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Thema Meisterschaft abschreiben (BVB)

Will Kane, Biosphärenreservat Bliesgau, Montag, 29.04.2019, 19:48 (vor 2564 Tagen) @ Sascha

Ob bestimmte Vorstellungen von Fußball mehr oder weniger aufregend sind, liegt sicherlich im Auge des Betrachters. Womit man in Dortmund ‚wirklich ankommt’, wie Du es ausdrückst, ist dann noch eine andere Frage. Für die Clubverantwortlichen steht mit Sicherheit das Erreichen der Minimalergebnisziele (und am besten etwas mehr) an erster Stelle; das ‚Wie‘ ist auch wichtig, kommt aber dann danach. Was die Zuschauer im Stadion und die am TV anbelangt ist wiederum eine andere Sache. Wobei mir eine klare Antwort da schwer fällt, da über die Jahrzehnte hinweg immer wieder sehr unterschiedlicher Fußball gespielt wurde.

Auch wenn ich schon etwas älter bin, so habe ich unsere große Mannschaft der 50er Jahre nie spielen sehen (können). In diesem Jahrzehnt sind wir in Deutschland erstmalig auf der großen Bühne erschienen und haben auch gleich Fußballgeschichte geschrieben. Mich hat diese Mannschaft von klein auf interessiert und ich wollte immer alles über sie wissen. So habe ich versucht, aus unzähligen persönlichen Erzählungen und Berichten, zahlreichen Publikationen bis hin zu den raren bewegten Filmdokumenten mir ein einigermaßen genaues Bild vom Fußball dieser Mannschaft zu machen. Das Ergebnis ist eindeutig: Wir haben damals glasklaren Ballbesitzfußball gespielt. Von den ‚Alfredos‘ ist u.a. die Aussage dokumentiert, dass man es darauf angelegt habe, den Gegner nicht an den Ball kommen zu lassen und diese schier zur Verzweiflung gebracht wurden, weil man sich den Ball immer gegenseitig zuspielte, ohne dass der Gegner an den Ball kommen konnte. So wurden Chancen kreiert und genutzt. Man spielte Fußball auf technisch-spielerisch sehr hohem Niveau und keinen ‚Kampffußball‘. Und den Zuschauern hat es ausgesprochen gut gefallen. Das änderte sich im Prinzip in den 60ern zunächst auch nicht. Das Spiel generell und auch das der Borussia wurde direkter, vertikaler, schneller. Aber das Spiel des BVB blieb ein technisch-spielerisch anspruchsvolles Spiel. Es war eben von Mitte der 50er bis Mitte der 60er auch von Trainern wie Schneider, Merkel, Eppenhoff und Multhaup geprägt, die eine entsprechende Spielauffassung hatten. Alle miteinander im übrigen nicht vom Typus ‚Volksheld‘ und der eine oder andere sogar Favre durchaus ähnlich. Aber Trainer waren damals in erster Linie Trainer und nicht auch zusätzlich Entertainer für die Öffentlichkeit (ok, Merkel hat sich etwas anders entwickelt...) Und wir hatten natürlich auch die entsprechenden Spielertypen und bevorzugten diese auch bei Neuverpflichtungen.

Ende der 60er/Anfang der 70er änderte sich dies.. Durch die finanziellen Enpässe bedingt sank die Qualität der neuverpflichteten Trainer und vor allem das fußballerische Niveau der Spieler immer mehr, bis am Ende eine Mannschaft übrig blieb, der außer ‚Kampffußball‘ nicht wirklich etwas zu bieten hatte und folgerichtig abstieg. Punktuell besserte sich dies zwar in den Jahren der Zweitklassigkeit und nach dem Wiederaufstieg in den 70ern, prinzipiell allerdings blieb es aber bei weniger anspruchsvollem Fußball. In dieser Zeitspanne entstand nach meiner Ansicht auch dieses Credo vom ‚Fußball arbeiten‘, dass (bis auf kurze Zeiträume unter Lattek oder Zebec) den Geschmack der Zuschauer prägte und diesen bis heute hie und da mitbeeinflusst. In den 80ern war dies ganz offensichtlich ganz deutlich. Und auch im pragmatischen Erfolgsfußball unter Hitzfeld bis Sammer in den 90ern bis Anfang des neuen Jahrtausends war dies immer wieder zu spüren. Und letztlich wurde dieses Image von Klopp gepflegt, dessen taktische Ausrichtung und Spielweise es damals auch technisch-spielerisch limitierten Spielern ermöglichte, zum Erfolg beizutragen. Heute bei Liverpool ist dies keineswegs mehr möglich.

Ich persönlich glaube nicht, dass Favre verpflichtet wurde, um sehr lange zu bleiben. Jetzt vertrete ich ohnehin die Ansicht, dass ein Trainer drei, maximal und im Ausnahmefall fünf Jahre bei einem Club wirken sollte. Favre ist mMn geholt worden, um bei der Umgestaltung der Mannschaft fußballerische basics und spielerisch-taktische Elemente prägend im Team zu implementieren. Wenn dies gelungen sein wird (und wir sind diesbezüglich auf keinem schlechten Weg), wird auch Favre wieder abzulösen sein. Seine crux ist nur, dass er mit der Mannschaft ergebnismäßig viel zu erfolgreich begonnen hat, was sich in der Rückrunde relativiert. Und dass die Bayern diese Saison in der Hinrunde durch die Querelen mit dem neuen Trainer für ihre Verhältnisse geschwächelt haben. Die Mannschaft hat für ihren Entwicklungsstand viel zu gut performt.

Ich persönlich bin der Auffassung, dass man im Fußball als Club und auch wenn die Geschmäcker verschieden sind als Zuschauer insgesamt offener sein sollte für notwendige Veränderungen, auch was Trainer und Spielstile anbelangt. Klopp war der richtige Mann zu richtigen Zeit, blieb aber schlicht ein, mMn eher zwei Jahre zu lang. Wir waren fußballerisch in eine Sackgasse geraten. Tuchel hat notwendige andere Elemente hineingebracht, um unseren kränkenden Ballbesitzfußball zu optimieren. Das hat er zunächst auch gut hinbekommen, bevor der interne Zwist nebst anderer Ursachen die Entwicklung wieder stoppte und eher Rückschritte zu verzeichnen waren. Nach der unschönen letzten Saison musste auch unbedingt die fußballerische Entwicklung wieder in den Vordergrund gerückt werden und dafür ist Favre mMn auch der geeignete Mann.

Ein Fehler wäre es mMn, jeden Trainer nach Klopp an dessen persönlicher Art und an dessen Vorstellungen von Fußball zu messen. Bei manchen geschieht dies bewusst, bei manchen unbewusst. Fair gegenüber jedwedem neuen Trainer wäre dies sicher nicht, und es wäre auch auf dem Weg der fußballerischen Fort- und Weiterentwicklung hinderlich. Klopp und die schöne und erfolgreiche Zeit der Mannschaft unter ihm sind Geschichte und sollten eine schöne Erinnerung bleiben.


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