schwatzgelb.de das Fanzine rund um Borussia Dortmund
A- A+
schwatzgelb.de das Fanzine rund um Borussia Dortmund
Startseite | FAQ | schwatzgelb.de unterstützen
Login | Registrieren

Ich verstehe ganz viel an der Diskussion nicht mehr (Corona)

Nietzsche, Dienstag, 14.04.2020, 12:13 (vor 2198 Tagen) @ huerde

Welche Seite nun mehr Experten oder die besseren Experten hat, weiß ich nicht. Aber die Stimmen werden immer lauter, die behaupten, dass die Kollateralschäden des Lockdown schon längst (oder vielleicht auch erst sehr bald) die Schäden des Virus‘ deutlich übersteigen werden. Und das keineswegs in materieller Sicht.

"Aber die Stimmen werden immer lauter" ist kein Argument für oder gegen irgendwas. Das ist mehr so Bloulevardjournalismus. Eine reine Worthülse.

Aber hier wird reihenweise so getan, als müsste man ein neoliberales Arschloch sein, um über einen Richtungswechsel auch nur nachzudenken.

Wo ist "hier"? In diesem Forum? In diesem Land? In den Medien?

Und wenn der Vorschlag aufkommt, dass die jüngeren wieder etwas mehr Freiheiten erhalten könnten, kommt der empörte Einwand (u.a. von Frau Giffey), dass wir keine 2-Klassengeselschaft wollten, wo der eine raus darf und der andere Zuhause bleiben muss. Ja, aber nutzt es nicht den Risikogruppen am allermeisten, wenn möglichst viele der anderen schon durch sind – insbesondere deren Pfleger und Ärzte, aber natürlich auch deren Kinder und Enkel, von denen sie so gerne mal wieder Besuch empfangen würden? Und wenn einer krank ist, muss ich dann aus Solidarität auch im Bett bleiben? Das ist doch Quatsch.

Diese Argument ist in der Tat Blödsinn. Das bedeutet aber nicht, dass es alle anderen Argumente auch sind.

Also versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin mir keineswegs sicher, dass das Konzept der Herdenimmunität (auch nur unter den Jüngeren) eine gute Idee ist. Und ich wollte nun auch kein Politiker sein, der entscheiden muss, wann man die Maßnahmen lockern will um selbstverständlich ein Ansteigen der Infizierten-Zahlen zu riskieren. Noch viel weniger wollte ich der Arzt sein, der irgendwann sagen muss: „Du wirst beatmet und Du wirst auf den Flur geschoben um langsam und einsam zu sterben“. Und selbstverständlich will ich auch meine lieben Verwandten in der Ü70-Kategiorie nicht an dieses Virus verlieren.

Alles Selbstverständlichkeiten. Man wartet auf das große Aber.

Im Moment verkriechen wir uns aber auf die vermeintlich sichere Seite. Nur nichts riskieren. Und wir lassen dabei kaum kontroverse Diskussionen zu.

Ah, jetzt. Wir verkriechen uns also. Die Maßnahmen sind nur vermeintlich sicher. Eigentlich ist das nur Angst, weil wir nichts riskieren wollen. Und wieder die Behauptung, es gabe keine Diskussionen, kontriverse gar. Aber Moment, was machen wir hier eigentlich gerade?

Und alles nur, weil die Schäden auf der anderen Seite nicht so kurzfristig und augenscheinlich sichtbar sind. Und weil man natürlich in einer halbwegs humanen Gesellschaft den Wert eines Menschenlebens nicht über den eines anderen stellen darf (Argumente, dass eine sehr große Anzahl der Corona-Toten kurzfristig so oder so gestorben wären, verfangen kaum noch).

Ahja, und woher weißt Du, dass ein Corona-Toter eh kurz darauf gestorben wäre? Woher weißt Du, dass solche Fälle in signifikanter Höhe vorlagen?
Du tust so, als sei das eine Tatsache.
Ich kann Dir sagen, weshalb dieses Argument nicht "verfängt". Es ist falsch und zynisch, es überzeugt nicht.


Es werden massenhaft Menschen, die bisher ein ordentliches Einkommen hatten, in existenzielle Nöte gebracht (in Branchen wir Gastronomie, Events, Tourismus, Kunst, Kultur, … aber auch Einzelhandel, Mini-Selbstständige, Start-Ups, …). Denen hilft ein kleiner Zuschuss und Überbrückungskredit zum Teil überhaupt nichts.

Aber eine Infektion mit Corona würde helfen?

Überhaupt werden wir einen sprunghaften Anstieg der Arbeitslosenzahlen erleben.

Ja, eine solche Situation schadet. Wer hätte das gedacht. Einige Zehntausend Tote schaden aber auch.

Es werden unzählige (vor allem allein-lebende Ältere) durch Vereinsamung, ungesündere Ernährung, mangelnde Bewegung, … gesundheitlich massiv geschädigt.

Unzählige? Das sind natürlich viele. Und huch, die Einschränkungen sind - nun ja - Einschränkungen.

Es wird einen sprunghaften Anstieg an psychischen Erkrankungen geben.

Im anderen Fall einen sprunghaften Anstieg von Toten. Das zumindest ist bestens belegt. Aber lass mich raten, Du gehörst grad nicht zur Risikogruppe, daher findst Du das bedauerlich, aber leider nicht zu ändern.

Familien werden auf enorme Belastungsproben gestellt, aus denen sich sehr viele nicht wieder erholen werden.

Zum Glück sind Sterbefälle für Familienmitglieder ja nicht so belastend, vor allem wenn man nachher erfährt, dass es Maßnahmen gegeben hätte.

Schlechtere Schüler (insbesondere jene, wo Zuhause nicht Deutsch gesprochen wird) werden durch längere Schulschließungen hoffnungslos abgehängt werden.

Ja, es trifft auch die, die es eh schon schwer haben. Aber Tode träfen sie auch.

Vor- und Nachsorgeuntersuchungen finden viel weniger statt. Überhaupt gehen viel weniger Menschen zum Arzt. Auch bei Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Wenn wir hunderttausende Infizerte und vollgepappte Krankenhäuser hätten, würde natürlich jeder gern hingehen und bekäme auch sofort eine Behandlung.

Vom gigantischen Schuldenberg, der nachlassenden Wirtschaftsleistung, verminderten Steuereinnahmen bei gleichzeitig steigenden Sozialausgaben (insbesondere für die vielen Arbeitslosen), … davon erst mal weiteres kein Wort.

Huch! War da nicht irgendwas mit man kann Menschenleben nicht mit Geld aufwiegen? Nein, kann man natürlich nicht, aaaaaaaber ...

Wir dürfen einfach nicht blind alles der Eindämmung des Virus‘ unterordnen, sondern müssen weiter offen bleiben für alle denkbaren Wege.

Nein müssen wir nicht. Nicht für alle denkbaren Wege. Beispiel? Wir packen alle Infizierten in ein KZ und bringen die da um. Na? Bist Du offen für alle denkbaren Wege?

– Und wenn der Lockdown für alle am Ende wirklich der richtige Weg ist, ist das für mich OK und dann werde ich das auch klaglos mitgehen.

Offensichtlich nicht.

Aber ich habe den Eindruck diese Diskussion findet in vielen Gesellschaftsbereichen zur Zeit kaum statt. Virologen sind die Stars dieser Tage und die sehen logischerweise vor allem die eine Seite der Medaille.

Ah, das generelle Misstrauen Experten gegenüber. Eine nur zu vertraute Strategie. Bekannt aus Trump-Wahlkämpfen und Brexit-Kampagnen.

Und natürlich erzielen Bilder in Nachrichtensendungen über Tote, die sich stapeln, weil sie nicht schnell genug beerdigt werden können, eine andere Wirkung, als diffuse, aber keineswegs kleine Schäden an Gesellschaft, Gesundheit, Leib und Leben... was sich NOCH mehr im Verborgenen abspielt.

Also selbst klarste Fakten sind weniger schlimm als diffuse Ängste vor einem versteckten Übel. Also los, Butter bei die Fische! Quantifiziere die "verborgenen Schäden" und erklär mal, woher Du die so gut kennst.

Die armen Politiker, die das sehrwohl auf dem Schirm haben müssen, haben es da schon weit schwerer. Da kannst Du dieser Tage eigentlich nur verlieren, weil so oder so werden die Auswirkungen katastrophal sein, und am Ende hast Du auf jeden Fall alles falsch gemacht.

Wenn es eh katastrophal endet, können wir doch auch aufmachen, oder?

Sorry, Dein Beitrag ist von der Struktur und der Wortwahl her wirklich beängstigend. Er ist frei von jedem Mitgeühl und Verständnis von sozialer Verantwortung. Dass er dabei geschickt aufgebaut und gut formuliert ist, macht die Sache noch schlimmer.

Ich hoffe sehr, Du überzeugst nicht viele Leute.


Antworten auf diesen Eintrag:



gesamter Thread:


schwatzgelb.de unterstützen

1564801 Einträge in 16788 Threads, 14384 registrierte Benutzer Forumszeit: 22.04.2026, 00:47
RSS Einträge  RSS Threads | Kontakt | Impressum | Nutzungsbedingungen | Datenschutzerklärung | Forumsregeln