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Will Großbritannien die Ausbreitungsgeschwindigkeit erhöhen? (BVB)

Ulrich, Samstag, 14.03.2020, 09:18 (vor 2374 Tagen) @ Micawber

Ein interessanter Artikel in der Zeit zur britischen Srategie:

https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/boris-johnson-coronavirus-grossbritannien-massnahmen-epidemie

Auch dies hört sich leider sehr besorgniserregend an. Insbesondere der Umstand, dass man in GB den Höhepunkt der Epidemie in 12 bis 16 Wochen erwartet. Und die Worte von Johnson zu den vielen Familien, die Angehörige vorzeitig verlieren werden,kann man ja fast nur so interpretieren, dass man mit sehr, sehr hohen Todeszahlen rechnet. Puuh.

Für mich klingt das nach Methode Brexit. Augen zu, durch, und auf ein Wunder hoffen. Boris Johnson gibt mal wieder den Churchill-Imitator. Nur dass es dieses Mal, anders als beim Brexit, tatsächlich Tote geben wird.

Man lässt ein Auto mit eh schon schwachen Bremsen zunächst ungebremst eine Passstraße herunter rollen. Und man hofft, dass die Bremsen dann weiter unten, kurz vor dem Hindernis, so gut wirken, dass die meisten Insassen den Aufprall überleben.


Eine andere Frage ist die nach dem Sinn bzw. den Erfolgsaussichten dieser Strategie. Anscheinend erhofft man sich von dem Verzicht auf die sofortige Einführung sehr restriktiver Maßnahmen ja, dass man diese dann zum Höhepunkt der Krise (also in den besagten 12 bis 16 Wochen) verhängen wird, um dann das allerschlimmste zu verhindern. Man argumentiert, dass die Akzeptanz für drastische Maßnahmen ansonsten schwinden würde, wenn man diese zu früh einführen und über so lange Zeit aufrecht erhalten müsste.

Das dürfte wohl die Motivation sein. Klingt für mich aber trotzdem irre. Aktuell weiß man bei weitem noch nicht genug über den Virus, man lernt ständig dazu. und Die Lehre aus dem, was aktuell in Italien passiert muss lauten, dass man rechtzeitig massiv gegensteuert, sonst gerät die Situation mit recht hoher Wahrscheinlichkeit völlig außer Kontrolle.


Bislang scheint GB allerdings das einzige Land zu sein, dass diese Strategie anwendet. Für mich hört sich das letztlich so an, dass man in den ersten Phasen deutlich höhere Ausbreitungsgeschwindigkeiten und letztlich auch mehr Tote in Kauf nimmt, um dann zu Zeiten, in denen die allermeisten Neuerkrankten dazu kommen, etwas weniger überlastet zu sein und anschließend auf ein schnelleres Abklingen der Welle hofft.

Genau so habe ich es auch verstanden. Die Rechnung hängt aber auch davon ab, ob die einmal erkrankten langfristig gegen Neuinfektionen immun sind. Davor war ich bisher ausgegangen. Aber gestern Abend habe ich in eine ZDF-Sendung hinein gezappt. Und dort meinte eine Expertin -so ich es richtig verstanden habe- dass sich nur eine temporäre, einige Monate schützende Immunität ausbilden würde. Keine Ahnung, ob das stimmt. Der Wissensumfang über den Virus ist noch immer zu dünn. Aber wenn das so wäre, dann hätten die Briten im Winter mit einer zweiten heftigen Welle zu rechnen.


Ob ein solches Vorgehen wirklich völlig unverantwortlich ist, oder tatsächlich rational nachvollziehbar vermag ich nicht zu sagen. Richtig logisch erscheint es mir nicht.

Die Briten betreiben in meinen Augen das Gegenteil von Risikominimierung. Für mich als Laien ist das ganze vollkommen verantwortungslos. Lieber ein "Lagerkoller" als bei einem Zusammenbruch des öffentlichen Lebens zehntausende oder gar hunderttausende von Opfern nicht nur durch Corona, sondern auch durch andere eigentlich behandelbare Erkrankungen.


Ein anderes Detail in dem Artikel lässt ebenfalls wenig Gutes für GB erahnen: Stimmen die Zahlen, verfügt das Land gerade einmal über 6,6 Intensiv-Plätze pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich werden die Zahlen für Deutschland (29,2) und USA (34,7) genannt.

Kein westeuropäischer Staat wurde von der Bankenkrise so getroffen wie Großbritannien. Man hat enorme Summen aufgewandt, um das Finanzsystem vor dem Kollabieren zu bewahren. Und in den Jahren danach hat man "nach unten" gespart. Bei den Sozialhilfeempfängern, bei den Rentnern, und auch beim staatlichen Gesundheitswesen. Ein weiterer Grund, einen massiven Ausbruch weiter nach hinten zu verschieben zu versuchen. Die Zeit könnte man nutzen, Bettenkapazitäten aufzubauen.


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