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Nuri bei Twitter zu Afrin (BVB)

Nolte, Freitag, 02.03.2018, 14:44 (vor 2862 Tagen) @ Rupo

Man kann sich ohne Weiteres zu einem Staat bzw. einer Nationalität oder Kultur bekennen, wenn man noch einen zweiten Pass hat. Das ist völlig problemlos machbar.

Hinter deiner gesamten Argumentation liegt meiner Ansicht nach ein Fehlschluss. Du scheinst nationale Identität/Identifizierung/Bekenntnis als etwas zu sehen, das für sich genommen ein großes, unbewegliches Ganzes ergibt. Jemand, der ausschließlich den deutschen Pass hat, ist zu 100% Deutscher. Jemand, der einen deutschen und einen weiteren Pass hat, ist vielleicht zu 50% Deutscher und zu 50% das Andere. Oder zu 75-25. Oder ein sonstiges Verhältnis, das bei 100% rauskommt. Jedenfalls ist jemand, der eine oder mehrere weitere Staatsangehörigkeiten hat, deiner Ansicht nach gemäß diesem Modell nicht mehr zu 100% Deutscher.

Das verkennt aber die Wirklichkeit. In der Wirklichkeit ist nämlich die Identität kein starres Gebilde. Man kann sich auch mit einem anderen Staat identifizieren, ohne dass die Identifikation mit Deutschland nachlässt. Im besten Fall kann es sich sogar positiv auswirken: Jemand, der auch noch eine persönliche Bindung zu und tiefe Kenntnisse einer anderen Nation oder Kultur hat, kann diese dazu nutzen, seinen Blick auf Deutschland mitsamt den Vorzügen und Problemen zu schärfen. Das kann unheimlich fruchtbar sein, sowohl im persönlichen Austausch mit den entsprechenden Menschen, als auch darin, was verschiedene Menschen kulturell beitragen können.

All diese Dinge sind übrigens nicht an Staatsbürgerschaften oder Reisepässe gebunden. Es gibt auch Deutsche, die einige Jahre in den USA, in Japan, oder sonstwo verbracht haben und dadurch eine besondere Bindung zum jeweiligen Land aufgebaut haben; vielleicht haben sie Familie dort, der Ehepartner kommt von dort, es gibt enge Freundschaften etc.

Man kann zugleich aus tiefstem Herzen Deutscher sein und sich dennoch ebenso sehr auch einem anderen Land verbunden fühlen. Auch das von dir hier ins Spiel gebrachte metaphorische "Herz" ist kein physikalischer Gegenstand, der nur bis zu einer irgendwie definierten Obergrenze mit Verbundenheit gefüllt werden kann.

Zu guter Letzt möchte ich dir noch etwas Weiteres zu bedenken geben, und zwar etwas, das mit dem Opfer zu tun hat, das du von den Menschen verlangst: Es gibt keinerlei Zweifel daran, und das wird immer und immer wieder durch persönliche Erlebnisse und durch Studien bestätigt, dass Migranten und allgemein Menschen mit ausländischem Aussehen und ausländisch klingenden Namen im Durchschnitt gesellschaftlich und beruflich benachteiligt sind. Allein schon die oft geäußerte Frage "Wo kommst du her?" - "Aus Dortmund" - "Nein, ich meine, wo kommst du eigentlich her?" zeigt ja, dass viele dieser Menschen nicht so ganz als "richtige" Deutsche wahrgenommen werden. Von diesen Menschen zu verlangen, dass sie ihre Wurzeln kappen, obwohl doch genau diese Wurzeln von den Leuten in ihrem "neuen" Heimatland (in dem sie oft selbst geboren sind) immer wieder betont werden, finde ich widersprüchlich und zynisch. Wenn eine Gesellschaft nicht bereit ist, Menschen mit (ausschließlich) deutschem Pass auch als komplett vollwertige Deutsche zu akzeptieren und Diskriminierung vollständig abzuschaffen, hat sie nicht das Recht, generell die Abgabe eines Zweitpasses zu verlangen.
Ein weiteres Thema ist die ganz real-praktische Tatsache, dass die meisten Menschen mit zwei Nationalitäten in diesem anderen Land noch Familie haben. Oft genug würde es die Abgabe des Zweitpasses erschweren, die dort noch lebenden Verwandten zu besuchen.


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