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Es wäre einfacher, wenn wir um den Klassenerhalt spielen würden (Spieltage)

Will Kane, Biosphärenreservat Bliesgau, Sonntag, 16.02.2025, 22:42 (vor 339 Tagen) @ Redaktion schwatzgelb.de
bearbeitet von Will Kane, Sonntag, 16.02.2025, 22:50

Als Niko Kovač seinerzeit die Frankfurter Eintracht übernahm, befand die sich im freien Fall und steckte tief im Abstiegskampf. Armin Veh hatte eine Mannschaft hinterlassen, die spielerisch zwar durchaus ansprechend agierte, von ihrer Spielanlage allerdings bereits defensiv anfällig war. Irgendwann im Verlauf der Saison setzte es dann höhere Niederlagen, die sich häuften. An dieser Defensivschwäche wurde nichts geändert oder nur halbherzig, eine Kehrtwende in der Entwicklung nach unten fand nicht statt. Im Gegenteil, die Mannschaft verunsicherte immer mehr und Veh wurde freigestellt, als die Mannschaft auf dem Relegationsplatz stand.

Der daraufhin verpflichtete Niko Kovač sollte zunächst als vordringlichste Aufgabe den Klassenerhalt sichern. Es ging also quasi um die Existenz. Für die Wahl des Ansatzpunktes hierfür genügte im Prinzip ein Blick auf Tabelle, Ergebnisse und Spielverläufe. Die Defensivschwäche musste umgehend behoben und die Spieler mussten schnellstmöglich ihre Sicherheit zurückgewinnen.

Kovač setzte voll auf das in einer solchen Situation oft genutzte Rezept ‚hinten dicht - Konter - Standards‘. Er tat es allerdings in einer sehr rigorosen Form und konzentrierte sich zunächst voll auf ‚hinten dicht‘, ohne Konter oder Standards einzubeziehen. Dies wurde auch sogleich von diversen Taktikexperten kristisiert, was Kovač allerdings wenig störte. Zumal das Vorgehen erfolgreich war. Die Mannschaft hielt ‚die Null‘, gewann an Sicherheit, erzielte sogar irgendwie das eine oder andere Tor. Nachdem die Defensive sich stabilisiert hatte und die Sicherheit zurückgekehrt war, nahm Kovač sich der Themen ‚Konter‘ und ‚Standards‘ an. Diese Sicherheit blieb auch bei Rückschlägen in Form von Niederlagen erhalten, das Team hatte insgesamt Stabilität erlangt.

Am letzten Spieltag gab es dann den Showdown im Bremer Weserstadion. Die SGE und Werder spielten um den direkten Klassenerhalt. Kurz vor Schluss erzielte Werder das Siegtor und die Eintracht musste in die Relegation, die sie dann für sich entschied. Das Ziel Klassenerhalt war erreicht, danach konnte mit der Vorbereitung für die neue Saison die Implementierung eines neuen Spielkonzeptes mit einer klaren Defensiv- wie Offensividee begonnen werden, das dann auch in den beiden darauffolgenden Spielzeiten mit entsprechenden Anpassungen praktiziert wurde.

Vergleicht man dies mit unserer momentanen Situation, so ergeben sich z.T. sehr große Unterschiede. Die damit beginnen, das wir nicht gegen den Abstieg, sondern um die Erreichung eines CL-Platzes spielen (ob dies mittlerweile noch realistisch ist oder nicht). Spiele ich um den Klassenerhalt, spiele ich um die Existenz. Das ist spürbar, das ist greifbar, das geht unter die Haut und oft genug an die Substanz. Steige ich ab, dann spiele ich in der nächsten Saison nicht nur zweitklassig, ich verdiene in der Regel dann auch deutlich weniger. Und ob und wann ich wieder aufsteige ist sehr unsicher. Oder ich muss ich den Club wechseln, was auch meine Familie betrifft. Wenn ich denn so schnell einen neuen Club finde. Zu welchen Konditionen ist dann noch einmal ein anderes Thema. Das alles wird meinen Willen und meine Bereitschaft stark beeinflussen, fehlende spielerische Klasse durch z.B. verstärkte Laufarbeit in irgendeiner Weise zu kompensieren

Trifft dieses existentielle Moment auf unsere Spieler zu, wenn der BVB die CL oder die EL nicht erreicht? Nein oder nur in sehr eingeschränktem Maße. Da droht kein großer persönlicher Verlust, wenn überhaupt. Sicher spielt man lieber international, aber eine Saison aussetzen wird man schon verkraften. Was auf die innere Bereitschaft in jedem Spiel ans Maximum oder darüber hinaus zu gehen mit Sicherheit auch seinen Einfluss hat.

Bei einem Abstiegskandidaten ist die Suche nach Gründen (und auch Ursachen) dafür, warum man unten steht, meistens relativ einfach. Sicherlich gibt es auch hier immer wieder komplexere Zusammenhänge. Aber ganz banal ist es so, dass man zu wenige Spiele gewinnt und zu viele Spiele verliert. Weil man zu wenig Tore erzielt, zu wenig Chancen erarbeitet oder zu viele Tore gegen sich bekommt. Eine höhere Anzahl besserer Chancen zu erreichen, ist dabei in der Kürze der Zeit des Abstiegskampfes schwierig zu erreichen, eine höhere Anzahl an erzielten Treffern ebenso, es sei denn durch Konter. Am schnellsten und wirksamsten ist es dann eben, die Defensive zu stärken und zu stabilisieren, um dann über Konter nach vorne zu kommen und Tore zu erzielen (s.o.)

Wir sind aber kein Abstiegskandidat (auch wenn das so mancher hier anders sehen mag), unser Team hat sich zu einer mittelmäßigen Mannschaft entwickelt. Der aktuelle Tabellenplatz und die aktuelle Punktzahl weisen dies nachdrücklich aus, die Gründe und Ursachen dafür sind vielfältig und allein hier im Forum herauf und herunter dekliniert worden. Bei den Leistungen ist es allerdings nicht unbedingt so. Die schwanken nämlich sehr stark; manchmal gegnerabhängig, manchmal aus nicht unbedingt erkennbaren Gründen. Mitunter sind die Leistungen sehr ansprechend und eines CL-Teilnehmers würdig, mitunter wirklich mittelmäßig und mitunter einfach nur schlecht.

Was die einzelnen Mannschaftsteile anbelangt, so ist es wohl am ehesten das Mittelfeld, das relativ durchgängig unterdurchschnittliche bis mittelmäßige Leistungen zeigt. Offensive und Defensive schwanken hier nach meiner Beobachtung ziemlich stark, ebenso wie das Zusammenspiel aller Mannschaftsteile. Wobei es in der Defensive des Öfteren auch zu individuellen Aussetzern kommt.

Wo genau soll man da nun als neuer Trainer ansetzen? Wie mache ich aus Mittelklasse in kürzester Zeit Oberklasse? Zumal die Kürze der Zeit nicht unbedingt lange und intensive Trainingseinheiten zulässt. Und andere Spieler als die vorhandenen nicht zur Verfügung stehen. Die allerdings sämtlich ihr Potenzial haben, das sie seit einiger Zeit allerdings nicht oder nicht mehr in ausreichendem Maße ausschöpfen.

Wenn das nächste Spiel gegen Union nicht gewonnen wird und die Teams vor uns bis Rang 4 in der Mehrzahl weiter stabil punkten, dann dürfte auch nach außen kaum mehr das Erreichen eines CL-Platzes als Ziel postuliert werden. Was ist dann realistisch? Zu versuchen, die Saison einigermaßen zu Ende zu bringen ohne große Änderungen, vielleicht einige Nachwuchsspieler einbauen und sich ansonsten auf die CL fokussieren? Zu versuchen, die verbleibende Saison dafür zu nutzen, die kommende Saison hinsichtlich Spielstil, System, Formation, taktischer Maßnahmen vorzubereiten? Was voraussetzen würde, die Verantwortlichen haben klare Vorstellungen davon. Was ich persönlich mit einem Fragezeichen versehen würde. Es sei denn, man hat einen anderen Trainer mit einem klaren Spielkonzept für die neue Saison in der Hinterhand. Was diese Möglichkeit obsolet erscheinen lässt.

Oder alles auf die Underdog-Karte setzen wie bei Abstiegskandidaten nach dem modifizierten o.g. Motto für Abstiegskandidaten, also tief stehen und aus einer kompakten Defensive heraus kontern? Und so versuchen, so viele Punkte wie möglich zusammenzukratzen, um mit einigem Glück doch noch die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb zu schaffen? Umsetzen ließe sich dies wohl relativ zügig. Und eine stabile Defensive gehört durchaus zu den Kernkompetenzen von Kovač als Trainer. Allein unser Auswärtsprogramm in den noch ausstehenden Spielen würde durchaus dafür sprechen.

Die Anzahl der noch ausstehenden Spiele wird immer weniger. Da wird jetzt eine Entscheidung fallen müssen, wie die noch zur Verfügung stehende Zeit genutzt werden soll.


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