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Was hat Terzic nach dem Spiel eigentlich gesagt? (Spieltage)

Blarry, Essen, Donnerstag, 20.10.2022, 11:52 (vor 1180 Tagen) @ Smeller
bearbeitet von Blarry, Donnerstag, 20.10.2022, 11:55

Das ist nicht widersprüchlich, wenn man weiß, wie Fußball funktioniert.

Wenn Du Fußball auf das Level eines Brettspiels mit Würfeln für alle ab sechs bis 99 Jahren abstrahierst, mit einer klaren Aufteilung in zwei Phasen, ohne Transitionen, ist das so, richtig. Dann bist Du aber schnell bei "Warum Fußballmann machen nicht Ball in Tor?".

In der echten Welt wirst du aber Schwierigkeiten haben, einen Kader zusammenzustellen, der zwei in sich gegenteilige Aktivitäten gleichzeitig ausführen soll. Wenn das dein Plan ist, und du kein Manchester City oder Bayern München bist, mit dem Rest der Liga weit überlegenem Spielermaterial, schaffst du dir selber ein Problem. Ein Union Berlin wiederum ist Tabellenführer, weil es sich auf die eine Sache konzentriert, die es gut kann: körperlich robust hinten drin stehen. Darauf baut alles auf. Da wird kein Offensivspiel drangetackert, das nicht zu den physischen, technischen und intellektuellen Fähigkeiten der Spieler passt, und ein Frankensteinsches Monster erschaffen, das nicht funktioniert. Stattdessen ist dort der Angriff eine logische Fortführung der Defensive, mit den selben Mitteln und Fähigkeiten der Defensive: einfaches, körperliches, schnelles Spiel nach Balleroberung, schnelles Besetzen freier Räume, kein großer Schnickschnack, dafür Simplizität. Weil mehr mit dem Kader nicht drin ist, also lieber das, was man drauf hat, so gut machen, wie man kann.

Überhaupt, der Blödsinn mit "wollen im Ballbesitz so wenig Zweikämpfe wie möglich führen". Auf der einen Seite kann man natürlich sagen, dass das im Spiel am Sonntag wunderbar funktioniert hat, denn den Ball zirkulieren zu lassen ist genau das, was man macht, wenn man möchte, dass der Gegner im Spiel 12 Kilometer mehr läuft. Aus der Perspektive stellt sich aber unweigerlich die Frage, ob Edin überhaupt Clausewitz gelesen hat.

In der klassischen Theorie ist die strategische Ebene ("was ist mein endgültiges Ziel?", "was möchte ich erreichen?", hier: "meine Mannschaft soll das Spiel gewinnen") hierarchisch über der operativen Ebene ("wie möchte ich mein Ziel erreichen?", wortwörtlich: "wie bringe ich meine vorhandenen Mittel in eine Position, mein Ziel zu erreichen?", hier: "wir wollen mit wenig Zweikämpfen und viel Ballzirkulation vors Tor kommen") angesiedelt. Dabei gibt es zwei ganz klassische Fallstricke:
1. die Wahl operativer Mittel, die der strategischen Zielerfüllung nicht dienlich sind, und
2. die Überhöhung operativer Mittel über den strategischen Zweck.

Das wohl berühmteste Beispiel für den zweiten Fehler wäre der japanische Angriff auf Pearl Harbor, der von der japanischen Admiralität so besessen gewollt und gefordert war, dass die Auswirkungen auf die strategische Ebene - ein Kriegseintritt der USA würde Japan von sämtlichen Treibstoffimporten abschneiden, und die industrielle Kapazität der USA würde das eigentliche geostrategische Ziel, nämlich die japanische Vorherrschaft über den gesamten Pazifikraum, unmöglich machen - komplett in den Hintergrund gerückt sind und ignoriert wurden. Mit den bekannten Folgen.

Unpassende operative Mittel wiederum liegen nicht so lange zurück, die haben wir am Sonntag erst gesehen. Fußball ist ein körperlicher Sport. Selbst ein FC Barcelona in seinen besten Zeiten, als vorne drei Gnome von Einssiebzig drin standen, ist nicht nur über One-Touch-Fußball und Läufe ohne Ball gekommen. Selbst ein Pep Guardiola kam nicht auf die Idee, Spielern wie Messi Dribblings und Zweikämpfe abzugewöhnen, sondern hat sie als essenziellen, gewinnbringenden Teil des Ganzen gehandhabt. Und jetzt haste da vorne mit Adeyemi, Malen und Moukoko drei Jungs stehen, die ihre Stärken mit Ball am Fuß haben, die quirlig sind, gerne herumwirbeln, und lässt dieses Potenzial komplett brachliegen. Weil du dich stattdessen irgendwie zweimal pro Spiel vors Tor kombinieren möchtest, anstatt die einfachen Dinge zu machen. Ganz ehrlich, ich bewundere Donny Malen gerade ein wenig für seine Scheißegalmentalität. Der sieht nämlich, dass sich jeder Gegner komplett auf unser Kleinklein einstellt und das Zentrum dichtmacht, ihm keine Passwege anbietet - also macht er einfach das, was er kann, antäuschen, nach innen ziehen, drauf. Der einzige, der bei uns wirklich konsistent Torgefahr erzeugt, eben weil er außerhalb des Schemas spielt. Soviel Eier würd ich mir von Adeyemi auch wünschen, der hat das nämlich auch drauf, auch wenn er auf Linksaußen prinzipiell glücklicher wäre. Und Moukoko ist eh der einzige Lichtblick.
Ohne den Willen zu offensiven Zweikämpfen kommen Spiele wie gestern rum, in denen Greg Kobel seine 50 Ballkontakte sammelt, weil der Ball bei jedem Angriffsversuch bei ihm landet. Weil kein Angriff versucht wird. Da muss sich was tun. Weg vom Dogmatischen, hin zu funktionierenden Anpassungen an die Spielweise des Gegners. Idealerweise aber nicht wie am Sonntag, wo man volle Kanne zu Gunsten Unions eingestellt wurde. Komme ich immer noch nicht drüber hinweg, wie man da die Formation spiegeln und in Mannorientierung spielen lassen kann. Hanebüchen. Must do better.


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