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Die Erbsensuppe der Verantwortung (BVB)

Ostentor, Freitag, 22.11.2019, 23:34 (vor 2476 Tagen) @ Redaktion schwatzgelb.de

Ja, die Erbsensuppe, darauf freue ich mich trotz allem.

Wie Erbsensuppe ist allerdings auch die Verantwortung für unsere Lage - sie hat viele Komponenten, jede einzelne wichtig, breiig in einem Topf gekocht und die einzelnen Komponenten sind nicht mehr klar voneinander abgrenzbar.

Klar ist:

- Lucien Favre hat an diesem Debakel derzeit nicht die alleinige Verantwortung. Er ist aber auch nicht unverantwortlich für die Situation. Denn als sportlich Verantwortlicher für die Mannschaft, ist er sowohl für die Teamprozesse als auch für die taktische Ausrichtung verantwortlich. Da scheint viel aus dem Ruder gelaufen zu sein. Auch wenn ich jetzt nicht gehört habe oder zu sagen vermag, dass es im Team an sich menschlich komplett nicht stimmt, scheint kein positiver Geist und kein großes Feuer zu existieren - das Team wirkt vielmehr oftmals irgendwie gehemmt, letharisch und Dienst nach Vorschrift leistend. Dazu scheint phasenweise keinerlei Selbstbewusstsein vorhanden zu sein. Gleichermaßen passt das taktische Konzept nicht wirklich zum Kader, und selbst die von Favre eigentlich immer zu erhaltende defensive Stabilität ist nicht vorhanden. Dazu kommen wohl fragwürdige Personalentscheidungen und eine oftmals zumindest eigenwillige taktische Anpassung an den Gegner, die sehr oft erst im Verlauf des Spiel korrigiert werden muss.

- Zorc / Watzke etc. haben natürlich auch einen großen Anteil. Ich gebe zu: Favre hätte ich auch verpflichtet. Allerdings hätte ich mir schon gewünscht, dass man auf seine Eigenheiten besser reagiert und vor allem auch darauf, wie er spielen lässt. Da hätte man ganz offenkundig andere Spieler verpflichten müssen, insbesondere in der Defensive, aber auch auf den Flügeln. Ich bin mir unsicher, ob die Spieler an Favres Ansprüchen in Bezug auf Antizipation im Spiel und Passsicherheit zwingend so versagen müssen, wie sie es tun, aber mir erscheinen doch Spieler wie Brandt, Schulz, irgendwo auch Delaney, etc. zum Teil überfordert mit dem von ihnen erwarten Aktionen, wodurch es zu vielen Unsauberkeiten kommt, die ja wiederum genau das sind, was das System von Favre zu kontrollieren gedenkt und wodurch schließlich das gesamte Konstrukt ins Wackeln gerät. Ob es übrigens mit einem echten Stürmer nach vorne mehr Chancen gäbe, weiß ich nicht, denn Favre ist bekannt dafür, genau diese Spieler nicht zu brauchen - andererseits schaffen wir es auch nicht, so atemberaubend effektiv bzw. mit den Favre-typischen wenigen Großchancen, die dafür aber nahezu 100%ige sind, über die Runden zu kommen, da wir dann wiederum von denen nicht genug nutzen. Für das Ausspielen von Kontern sollten wir wiederum die geeigneten Spieler haben, schaffen das aber nicht. Die Standardschwäche ist allerdings dann wieder eine Sache, die dem Kader in seiner physischen Erscheinung wohl tatsächlich inhärent eigene ist. Grundsätzlich aber gilt auch für mich: So richtig ist mir langsam auch nicht mehr klar, für welche Art Fußball der Kader zusammengestellt ist. Weder Klopp-Ball noch Tuchel-Ball noch Favre-Ball lassen sich mit diesem so wirklich umsetzen, da entweder die Physis fehlt, oder auf der anderen Seite derzeit erschreckenderweise die technischen Grundlagen.

- Und klar, die Mannschaft hat auch eine Verantwortung. Egal, wie man eingestellt ist und was in der Zusammenstellung des Kaders nicht harmoniert, die individuelle Qualität, die der BVB auf den Platz stellen kann, ist im Vergleich zum Rest der Liga mit Ausnahme weniger Clubs immer noch gewaltig. Wer das nun negiert mit Blick auf die letzten Leistungen und Ergebnisse, verkennt, dass der Kader ja durchaus stark genug ist, zweimal den Tabellenführer zu schlagen, Inter Mailand, Leverkusen, ein zu dem Zeitpunkt noch starkes Wolfsburg und so weiter. Ideal zusammengestellt sind die Kader anderer Bundesligisten nun auch nicht und natürlich ist der BVB auf jeder Position 2 Klassen besser aufgestellt als der SC Paderborn. Da darf man sich schon fragen, was in den Köpfen der Spieler vorgeht, so eine erste Halbzeit abzuliefern wie heute. Ich denke mitnichten, dass die Mannschaft bewusst gegen den Trainer gespielt hat - wenn, dann ist das ein unterbewusster Prozess, der dann schleichend Leistungsvermögen kostet, das führt zu schlechten Ergebnissen, das führt zu weniger Selbstvertrauen, das führt zu einem weiteren Hinterfragen der sportlichen Leitung. Hier sehe ich dann vor allem ein Versagen der Führungsspieler, die auch mal abseits vom Trainer versuchen müssten, auf diese ganze Kopfgeschichte Einfluss zu nehmen. Dazu sind viele öffentliche Äußerungen eher kontraproduktiv.

Wenn ich nicht in der Verantwortung sehe:

- ambitionierte Zielsetzung
- das Umfeld

Was wir nun allerdings brauchen, ist der Hebel, der da rausführen kann. Das ist im Fußball nun einmal zuerst der Trainer, wo man das machen kann. Es ist nicht gegen ihn persönlich, ich denke nach wie vor, dass der gute Mann für viele Vereine ein guter Fußballehrer sein kann. Bei uns halt nicht. Das passiert. Das Problem dahinter ist: Die Leute, die unsere Fußballehrer aussuchen, sind offensichtlich darin nicht die Besten. Dem Glückstreffer Klopp folgten die (naheliegenden) Tuchel und Favre - Lösungen ohne große Kreativität. Die eher innovative aber auch durch das EL Finale geprägte Lösung Bosz. Und der Verwalter Stöger. Das sind alles Trainer mit Qualität, aber offenbar nicht von der Art und Weise, wie sie Borussia Dortmund nötig hat. Es scheint dort an einem genauen Anforderungsprofil zu scheitern. Daher haben alle recht, die beim 'Favre out' Bauchschmerzen ob des Nachfolgers haben. Andererseits war schon 'Favre in' offenbar ein Fehler mangelnder grundsätzlicher Konzeption.

Um die Saison irgendwie zu retten, brauchen wir allein schon aus psychologischer Sicht einen neuen Mann auf der Bank. Vom ganzen Auftreten ist Favre nicht der Typ, der den psycholigischen Turn-around schaffen wird in so einem Chaos, wie der BVB es dieser Tage bietet, wenn jetzt noch das Umfeld emotionaler wird. Der Trainerwechsel und ein potenzieller Erfolg dessen darf aber nicht vergessen machen, dass im Verein ein grundsätzliches strategisches Problem zu existieren scheint, dessen man sich annehmen sollte. Und das impliziert für mich auch, dass Zorc und Watzke ihre Verantwortung auch übernehmen müssen, und den Staffelstab zeitnah geordnet übergeben an neue Verantwortliche - und in anderen Positionen dem Verein sicher auch gut tuen können.

Dann schmeckt die Erbsensuppe auf der JHV auch wieder, selbst wenn sie versalzen wäre.


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