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Der tödliche Biss des Thomas Tuchel (BVB)

Nolte, Mittwoch, 31.05.2017, 08:23 (vor 3291 Tagen) @ Sascha
bearbeitet von Nolte, Mittwoch, 31.05.2017, 08:26

Menschen sind facettenreich. Das mag nun banal klingen, hat aber gewisse Implikationen, über die man sich erst klar werden muss. Dies kann verschiedene Folgen haben, z.B.:

1) Es gibt keine ordinale Reihenfolge, nach der sich Menschen hinsichtlich ihrer charakterlichen Qualität einreihen lassen. Vom "schlechtesten Mensch auf der Welt" zum "besten Mensch auf der Welt" gibt es keine lineare Skala, auf der man Klopp weit oben und Tuchel weit unten findet.

2) Ein Mensch kann von verschiedenen anderen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. So ist es durchaus möglich, dass ein Mensch dich blöd findet, während ein anderer Mensch dich gerne mag. Und hast du nicht auch zwei einander unbekannte Freunde, die du sehr gerne magst, aber von denen du dir vorstellen könntest, dass sie miteinander nicht so gut auskommen würden? Tuchel kann durchaus von einem Spieler gehasst und von einem anderen Spieler geliebt werden. Das widerspricht sich nicht. Und beides - die Liebe des Einen wie der Hass des Anderen - ist gleich legitim.

3) Ein Mensch kommt mit verschiedenen Menschen unterschiedlich gut aus. Vielleicht stellte Tuchel nach einer gewissen Zeit fest, dass er mit seinen direkten Vorgesetzten menschlich auf keinen guten Nenner kommt.

4) Gerade in Konflikt- und Stresssituationen zeigen sich manche Facetten unseres Charakters besonders stark, während andere in den Hintergrund gerückt werden. Dies könnte (ich weiß es nicht) bei Tuchel der Fall gewesen sein. Vielleicht haben die zahlreichen zunächst kleineren, dann größer werdenden Konflikte (an denen er kaum unschuldig war), der erhöhte Stress sowie der Druck aufgrund der ständigen Beobachtung durch Fans, Medien etc. bei ihm zu Überforderung geführt, was es ihm schwierig bis unmöglich machte, sich seinem Mitmenschen gegenüber angemessen zu verhalten. Hochintelligente Menschen oder Menschen im autistischen Spektrum haben oft ein nur relativ geringes "instiktives Verständnis" für soziale Normen und müssen sich Letztere immer wieder bewusst machen. In manchen Situationen funktioniert das dann nicht, und das kann dazu führen, dass sie sich auf eine von den Mitmenschen negativ wahrgenommene Weise verhalten. Nun will ich Tuchel nicht unbedingt in dieses Spektrum schieben; ich denke, wir alle kennen es aus unserer eigenen Erfahrung, dass wir in Extremsituationen Dinge sagen oder tun, die wir später bereuen, sobald wir Zeit zur Reflektion haben. Als Fußballtrainer hast du diese Zeit nur während einer Saison nicht.

Mein Fazit dieses Texts lautet folgendermaßen: Menschen sind facettenreich. Es spricht viel dafür, dass sich Tuchel sehr vielen Menschen gegenüber "wie ein Arsch" aufgeführt hat. Das bestreite ich sicherlich nicht. Vielleicht gibt es dafür situationsbedingte Gründe, vielleicht ist es aber auch einfach sein Charakter. Die Tatsache, dass es Spieler zu geben scheint, die ihn mögen, und die Tatsache, dass er lange sehr erfolgreich in Mainz war, legen zumindest einen situativ bedingten Anteil nahe.

Ein Urteil, wie es hier im Forum sowohl von MauriciusQ als auch von anderen Menschen dermaßen vernichtend getroffen wird, nämlich: "Tuchel ist einfach ein schlechter Mensch", ist angesichts der Komplexität der Sache schlicht und ergreifend nicht nur sachlich unangemessen, sondern dadurch, dass es eben direkt einen Menschen trifft, auch moralisch meiner Meinung nach unterste Schublade.


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