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Stößchen = Füllstrich bei 0,1l - Inhalt ca 0,175l (Fußball und Sport allgemein)

Tremonius III, Ort, Samstag, 20.04.2024, 00:34 (vor 653 Tagen) @ Oleoleole

Da lob ich mir doch das Stößchen.
Mit Salzkuchen in der Reiterkneipe.

Wobei früher (1991?) gab's das auch im Stadion, da war unten in der West noch die Kneipe. Oder täuschen mich meine Erinnerungen?

Das Stößchen war/ist ein typisches Dortmunder "Schankbehältnis ohne Füllstrich" und in allen Traditionskneipen der Innenstadt zuhause. Es geht zurück auf die Zeit der Industrialisierung.
Zwischen 1847 und 1849 entstanden in DO 2 neue Bahnhöfe (Köln-Mindener und Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft), konkurrierende Unternehmen, die jeweils ein eigenes Schienenetz betrieben
Am Burgwall kreuzten diese Schienenstränge (16 Gleise!!) die Münsterstraße, die wichtige Verbindung in Richtung Münster/Norden. Gesichert war die Kreuzung durch eine Schranke, die natürlich häufig verschlossen war. Ein Ärgernis für die Passanten. Die Bahngesellschaften beobachteten das Phänomen und stellten fest, dass die Schranken während der 3-tägigen Beobachtung von 16 Stunden (die Bahn fuhr nur im Hellen) länger als 11 Stunden geschlossen waren.
Dies rief einige Kneipenwirte auf den Plan und schon bald entstanden an 3 Punkten der Kreuzung Stehbierhallen. Eine davon betrieben von der Familie Vogell, die aus Breslau stammte und aus ihrer Heimat ein Hohlmaß kannte, den Stoß. Das war die Menge, die man mit einem Pumpenstoß der HAndpumpe aus dem Fass beförderte (ca 1 Liter), was für einen Schluck beim Warten auf Öffnung der Schranke aber deutlich zu viel war. Vogell führte also das "Stößchen" ein, einen Stritz, u.U. noch nen Stritz, um die Wartezeit zu verkürzen. Das Stößchen war geboren und hielt sich tapfer, auch z.B. an Bus- und Straßenbahnhaltestellen bis 2003.

https://wenkers.de/schon-probiert/

2003 entbrannte dann der sog. Stößchenkrieg: ein Zeitgenosse betrat die Ratsschänke an der Prinzenstraße und bestellte ein Bier. Omid, der Wirt, fragte höflich: "groß oder klein" und servierte, wie gewünscht ein Stößchen (jur. Schankbehältnis ohne Füllstrich).
Nach der vergeblichen Fahndung nach dem "Eichstrich" lief der Gast mit dem Glas zum Rathaus,um sich zu beschweren. Im Rathaus schickte man ihn zum Amtshaus, wo sich das Amt für öffentliche Ordnung für nicht zuständig erklärte und schaltete das Eichamt in Hagen ein, wo ein Eichmaß für 0,2 l Gläser vorgehalten wird, was allerdings nicht annähernd mit dem Inhalt des "Corpus delicti" übereinstimmte. Kurze Zeit später veranlasste das Eichamt, dass der Ausschank von Bier in Schankbehältnissen ohne Füllstrich nicht statthaft sei (nicht sein kann, was nicht sein darf).
Folgerichtig entsandte die Brauerei den gesamten Außendienst, um die Stößchengläser aus den Kneipen zu entfernen. Diese landeten bei der Brinkhoff Brauerei in LüDo, wo sie gegen Spende abgeholt werden konnten. Die Spenden kamen BODO, der Obdachlosenzeitung für Bochum und Dortmund zugute. Zeitgleich hat die Brauerei 74.000 neue Stößchen gebrandet (diesmal mit Füllstrich bei 0,1l) und Dortmund hat seitdem wieder das Stößchen.

Eine Doku über diesen Stößchenkrieg hängt heute in DIN A1 in der Ratsschänke und erinnert an eine der erfolgreichsten Guerilla-Marketing Aktionen der Brau- und Biergeschichte. In der Zeit gaben sich Journalisten von Blöd bis Züricher die Klinke in die Hand, WDR und SAT1 hielten jedem, der ein Bier in der Hand hielt, ein Mikro unter die Nase, um ihn zu diesem "Skandal" zu interviewen.

Zum Dank gibt es bis heute in der Ratsschänke bei jedem Tor des BVB ein Stößchen...kommt mal längs!


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