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Frage (BVB)

Pfostentreffer, Mittwoch, 18.12.2024, 16:33 (vor 422 Tagen) @ huerde

Ebenfalls ganz ernst gemeinte Frage: Wenn du sagst, du hast noch jemanden etwas antisemitisches sagen hören, bedeutet das dann auch, dass du solche Anschläge wie in Halle nicht mitbekommst?

Erst mal vielen Dank. - Ein wenig Licht hat es mir ins Thema gebracht.

Gern


Zu Deiner Frage: Während man ganz dezenten und doch unüberhörbaren Rassismus häufig mit bekommt, erlebe ich Antisemitismus selber absolut nie. Dass es ihn gibt, steht ja außer Frage. - Aber während ich beim Rassismus einige Gesichter kenne..... beim Antisemitismus kein einziges.

Verstehe. Meine Vermutung ist, dass der Hauptgrund darin liegt, dass es kaum noch Juden in Deutschland gibt. Und diejenigen, die es noch (oder viel mehr: wieder) gibt, sind hauptsächlich ascheknasim Juden, grösstenteils aus der ehemaligen Sowjetunion. Aber selbst mit denen ist die Anzahl der Juden, die in jüdischen Gemeinden in Deutschland registriert sind, bei unter 120'000 (aus offensichtlichen Gründen müssen Juden sich in Deutschland bei Ämtern nicht als Juden identifizieren und registrieren, deswegen kenn wir die genaue Anzahl der Juden in Deutschland gar nicht).

Dementsprechend "wenig" präsent sind Juden in Deutschland - und damit auch der Antisemitismus, den sie erleben - ist aber wie gesagt nur eine These.

Darüber berichtet wird auch fast nur, wenn die Täter Muslime waren, ausser es lässt sich nicht vermeiden (Beispiel: Halle) oder passt unten links in die 4 Zeilen auf Seite 26 der Tageszeitung deiner Wahl. Ohne persönliche Kontakte ist es schon sehr unwahrscheinlich, dass man in Deutschland Juden überhaupt im Alltag wahrnimmt - geschweige denn, Kontakt zu ihnen hat. Die meisten sehen zudem einfach aus wie Du oder ich, was die Wahrnehmung weiter verringert.

Dementsprechend lohnt es sich auch, den wenigen deutschsprachigen Juden zuzuhören, die die Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg mitbekommen haben, diese auch einschätzen können und heute noch Leben. Michel Friedmann bspw.

Dessen Taufpate war Oskar Schindler (die Eltern von Friedmann standen auf Schindler's Liste und wurden von ihm gerettet), den durch den entsprechenden Film auch hier die meisten kennen dürften.

In mehreren Gesprächen hat Friedmann erzählt, wie Schindler nach dem Krieg behandelt wurde: Nämlich beschissen. Er konnte selbst in den 60ern kaum durch Frankfurt laufen, ohne attackiert, zumindest aber bespuckt oder beleidigt zu werden. Und er war nicht mal Jude, sondern hatte nur welche gerettet. Er wurde auch nicht in Deutschland begraben, sondern auf dem Mount Zion in Israel und verbrachte zum Ende seines Lebens die meiste Zeit unter Juden in Israel.


Daher hatte ich vermutet, dass es eben nicht das selbe Klientel ist. - Warum macht einer unverhohlen blöde Kommentare über Türken / Afrikaner, aber traut sich nicht über Juden den selben Spruch zu bringen, wenn er diese genau so wenig mag?

Weil es in Deutschland gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist, sich rassistisch oder anderweitig diskriminierend zu äussern, Rassismus steckt tief in unserer Gesellschaft und wird wieder zunehmend normalisiert. Die offene Diskriminierung von Juden (aka Antisemitismus) aber aufgrund des Holocausts nicht. Noch nicht. In einigen Jahren wird aber auch das wiederkommen. Was man heute an Antisemitismus hört, ist häufig auch einfach krasses Unwissen gepaart mit grundsätzlichen reaktionären Einstellungen (man denke nur an Lanz und Precht und deren unsäglichem Podcast).


Daher hatte ich das Problem weniger im rechten Bereich und mehr im arabischen vermutet. - Aber wie gesagt.... das war eine reine Vermutung.

und die ist verständlich, da wie gesagt vor allem darüber berichtet wird, so dass es logisch ist, dass dieser Eindruck bei vielen Menschen entsteht. Die Araber, die judenfeindlich sind, sind übrigens in der Regel ebenfalls rechts. Die Unterteilung zwischen rechts und links kommt (grob vereinfacht) aus der französischen Revolution: Links bedeutet, alle Menschen als gleichwertig und vor dem Gesetz als gleichwertig anzusehen und Demokratie anzustreben, rechts bedeutet, Unterschiede zwischen den Menschen zu machen (im Ursprungsfall; Zwischen Rechten für Adlige und Nicht-Adlige bzw. die Royals) und weiter auf die Monarchie zu setzen. Du siehst also, viel hat sich seitdem nicht geändert und das Feudalsystem hat uns wieder:-)

Das soll ja auch nicht heissen, dass es dort kein Problem gibt, im Gegenteil, auch da ist in einigen Bereichen Antisemitismus sehr verbreitet und wenn man genau hinhört, erkennt man auch dort vor allem den sehr alten (kannst ja mal die Protokolle von Zion googeln) Antisemitismus, also nicht nur den der deutschen Nazis, sondern auch Teile und Aussagen, die man wirklich noch bis zur Inquisition oder gar den ersten deutschen Judenpogromen vor tausend Jahren zurück gehen.

Aber es stellt nach wie vor nicht das grössere Problem für Juden in Deutschland dar als die Nazis, auch wenn Land auf, Land ab ständig das Gegenteil behauptet wird und die Nazis sich öffentlich aktuell eher zurückhalten, da sie die Chance sehen, Muslimen und Flüchtlingen dadurch eher zu schaden. Und man muss es auch politisch einordnen.

Es ist auch nicht so, dass sich Juden und Muslime sofort an die Gurgel gehen wollen, wenn sie sich sehen, obwohl - in meiner persönlichen Erfahrung - viele Deutsche absurderweise genau das annehmen. Es könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Wir haben auch viele muslimische Freunde und bekannte - auch palästinensische - und alle gehen ordentlich miteinander um. Nahezu alle Mizrayhin- und Sephardie werden dir auch genau das erzählen - die gibt es in Deutschland aber so gut wie nicht mehr, ausser einigen eingewanderten Spaniern, Portugiesen oder Marrokanern. Viele Schiiten und Perser mögen Juden logischerweise aufgrund der langen gemeinsamen Geschichte sogar sehr gern - die iranische Führung allerdings leider nicht. Was sie hoffentlich bald die Macht kosten wird.


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