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Frage (BVB)

Pfostentreffer, Mittwoch, 18.12.2024, 13:56 (vor 422 Tagen) @ huerde

Zum Teil vielleicht. Aber die meisten, die das Problem Antisemitismus sehen, sehen, dass dies kein Phänomen von Menschen aus dem arabischen Raum ist.

Das stimmt. Aber die meisten, die Antisemitismus und Diskriminierung sonst eher betreiben als anprangern, nicht. Jahrzehntelang waren ihnen Juden und Antisemitismus schnurzpipe, um jetzt jeden als Antisemiten zu bezeichnen, der die israelische Regierung kritisiert oder zehntausende Tote Kinder uncool findet. Sie nutzen die aktuelle Situation, um genau dieses Narrativ zu verbreiten und Stimmung gegen Muslime zu machen und die Stimmen, die Rassismus und Antisemitismus immer schon bekämpft haben, als Antisemiten abzustempeln und im Optimalfall aus dem Diskurs zu entfernen, um so ihren eigene Rassismus salonfähiger zu machen und den Widerstand dagegen auszudünnen. Auch das ist eine Form von Antisemitismus.

Ganz ernst gemeinte Frage. Mir fehlt da das Gefühl dafür.
Ist das nicht so?

Nein. Die meisten Menschen aus dem arabischen Raum sind selber Semiten. Deswegen wurde deren Antisemitismus früher in der Forschung auch "Antijudaismus" genannt, weil ja Semiten schlecht Antisemiten sein können. Diesen Antijudaismus gibt es schon sehr lange und ist mit der üblichen Form von Rassismus auf vielen Ebenen sehr gut vergleichbar, da es auch hier meistens um die eigene Aufwertung geht (durch die Abwertung der anderen).

Für den politischen Antisemitismus, wie wir ihn heute in der arabischen Welt häufig wahrnehmen können, haben aber leider ebenfalls wir (in Form der Nazis) viele Samen gelegt, deren böse Auswüchse nun zu uns zurück kommen.Dieser Artikel über das entsprechende Buchdes Historikers Matthias Küntzel fasst es ganz gut zusammen. Er hat mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben, das im Artikel erwähnte kann ich empfehlen falls jemanden das Thema näher interessiert, die anderen kenne ich nicht.


Auch die deutsche Kriminalstatistik gibt das nicht her. Ein Grossteil der angezeigten Fälle in Deutschland sind nach wie vor dem deutschen Rechtsextremismus zuzuschreiben, wie dieser Artikel samt angehängter Studie zeigt. Sie behandelt die Jahre 2019 - 2023. Das widerspricht aber natürlich dem Narrativ, welches wir seit Jahren in den Medien ständig hören, weswegen deine Frage mehr als verständlich ist.

Zusammenfassender Satz aus dem Artikel: "Antisemitismus verbindet sehr unterschiedliche rechtsextreme Akteure miteinander. Von der neuen Rechten über die AfD bis zu Fußballfans", sagt Co-Autor Poensgen.

Das gilt sicher auch für rechtsextreme arabische Gruppen, bspw. IS oder Al Khaida. Die übrigens deutlich mehr "kulturelle Überschneidungen" mit deutschen Rechtsextremisten besitzen dürften als die angesprochenen cassidischen Juden mit den Menschen, die das liberale Judentum leben.

Zu sagen, Antisemitismus sei "ein Phänomen von Menschen aus dem arabischen Raum" ist somit nicht haltbar. Der Ausdruck "Antisemitismus" ist dann konsequenterweise im deutschsprachigen Raum als Selbstbeschreibung (!) entstanden. "Judenhass" oder "Judenfeindschaft" ist allerdings schon lange vorhanden, mehrere Tausend Jahre und kann getrost als globales Phänomen sehen. Man denke nur an die Inquisition und Kolonialisierung oder aktuelle Äusserungen des (nicht arabischen) iranischen Regimes. Wo und wann das alles genau seinen Ursprung hatte, ist allerdings extrem schwer zu sagen.


Ich habe (durch Fußball, Sport, Kinder, deren Aktivitäten, ...) einen sehr weit gefassten Bekanntenkreis in alle möglichen Gesellschaftsschichten. Und ich bin zum Teil schockiert, wie locker latent fremdenfeindliche, rassistische, ... Kommentare einzelnen über die Lippen gehen.

Das stimmt leider, Deutschland ist eine sehr rassistische Gesellschaft oder wird zumindest von Nicht-Weissen Menschen als extrem rassistisch empfunden, wie diverse Untersuchungen und Beispiele belegen.

- Aber ich habe noch NIE einen antisemitischen Kommentar gehört. Von wem auch immer.

Noch nie Hans-Georg Massen, der AFD, Familie Aiwanger oder den iranischen Mullah's zugehört? Oder meintest Du ausschliesslich im privaten Umfeld? Ansonsten verstehe ich aber was du meinst, Antisemitismus wird häufig nicht so offen geäussert wie andere Formen von Rassismus und Diskriminierung, häufig verklausuliert und über Codes, speziell im deutschsprachigem Raum. Da war die Scham lange gross, aber dass löst sich gerade auf. Da bekanntermassen mein Ehemann jüdisch ist, kann ich dir aber aus eigener Erfahrung sagen, dass es regelmässig vorkommt und schon von den kleinsten jüdischen Hinweisen getriggert werden kann. Wie oft er schon gefragt wurde "Ach krass Jude, also bist Du reich?" kann ich nicht mehr zählen.


Wo leben diese Antisemiten? Wer sind diese Menschen?

In Deutschland und vielen anderen Ländern auf der Welt. Oben habe ich einige öffentlich Bekannte genannt.

Überhaupt wer kommt heute noch auf die Idee, sich an jüdischem Leben zu stören (wo sich dieses bei den allermeisten fast gar nicht vom westlich-europäischen Leben unterscheidet)?

"Interessante" Diagnose. "Jüdisches Leben" ist sehr divers, so wie das "westlich europäische Leben" auch. Allein innerhalb dieser beiden Gruppen ist das Leben so verschieden, dass es mMn keinen Sinn macht, beide als eine homogene kulturelle Gruppe zu betrachten. Schon gar nicht gemeinsam. Das Leben von Menschen im südlichen Italien dürfte sich kulturell doch sehr vom Leben in Finnland unterscheiden, genau wie das Leben von Ultraorthodoxen Juden in Ashdod, Liberalen Juden im Startup Umfeld nebenan von Be'er Sheva oder Tel Aviv oder gar cassidische Juden in Willemsburg in NYC. Kann man wirklich nicht gleichsetzen. In Frankfurt ist es für sie noch mal wieder anders als in Marseille, in Essen noch mal anders als in Halle.

Ansonsten bleibt zu sagen, dass es halt eine grosse Anzahl an Menschen gibt, die Menschen ablehnen, die sie als "nicht normal" ansehen. Für manche dieser Menschen gehören Juden dazu, für andere nicht. Bei widerum anderen wechselt das täglich.

Ebenfalls ganz ernst gemeinte Frage: Wenn du sagst, du hast noch jemanden etwas antisemitisches sagen hören, bedeutet das dann auch, dass du solche Anschläge wie in Halle nicht mitbekommst? Oder meinst du nur im privaten Bereich. Das man die ständigen Beschmiererreien von Hakenkreuzen an jüdischen Friedhöfen, Holocaustdenkmalen oder Synagogen, dass herausreisen von Stolpersteinen etc. nicht mitbekommt, verstehe ich ja noch, dafür muss man sich schon aktiv dafür interessieren da kaum noch darüber berichtet wird, aber solche Dinge wie Halle haben doch alle mitbekommen oder nicht?


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