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Der Fluch der guten Taten (BVB)

Blarry, Essen, Sonntag, 05.05.2019, 00:59 (vor 2560 Tagen) @ CHS

Favre tut mir leid. Irgendwie hat alles, was er in Dortmund bislang erreicht hat, zwei Seiten. Normalerweise wäre das kein Problem, weil vollkommen normal. Aber die zeitlichen Abläufe und die extremen Ausschläge in beide Richtungen überziehen den Gesamteindruck mit einem Schatten, der ebenso unverdient wie unvermeidlich ist.

Es beginnt mit den ziemlich gegensätzlich verlaufenden Halbserien. Die Stimmung wäre doch viel besser, wenn wir seit August konstant gepunktet hätten, ohne diese Zweiteilung in eine überragende Hinrunde und eine mittlerweile nicht mehr gute Rückserie. Dann würden wir uns jetzt alle auf die Schultern klopfen und sagen, "hey, zwei Spieltage vor Schluss nur vier Punkte Rückstand auf Bayern, darauf kann man doch aufbauen!".
Stattdessen waren wir im Januar in einer Position, in der wir nichts mehr gewinnen, sondern nur noch verlieren konnten. Und es bewahrheitet sich: sobald du verhindern willst, zu verlieren, fängst du an, zu verlieren.

Das ist der eine und einzige Vorwurf, den ich Favre machen möchte, und der einzige, den ich für legitim halte: er hat sich von der Verteidigungshaltung anstecken lassen, die Mannschaft zu sehr auf "Ergebnis sichern" indoktriniert. Und zwar in beide Richtungen, im Angriffsspiel wie in der Abwehrarbeit. Da steht ein Christian Pulisic mehrfach Eins-gegen-eins, eine Situation für die er geboren wurde, und muss den Ball zurück zum Innenverteidiger spielen. Weil Angst herrscht, den Ball zu verlieren. Vierzig Meter in der gegnerischen Hälfte, an der Seitenlinie. Der Junge tut mir leid.
Ebenso wie Bürki und Akanji. Individuelle Fehler können passieren, keine Frage, gerade unsere jungen Spieler sollen auch Fehler machen dürfen. Aber warum, bei aller Liebe, macht man sich das Leben so schwer und spielt mit zwei Toren Vorsprung nur noch am eigenen Strafraum? Warum überlässt man Werder, das man über 60 Minuten komfortabel an den Eiern hatte, komplett das Feld? Es wird niemand auch nur die Stirn runzeln, wenn man einen Zweitorevorsprung über eine halbe Stunde furztrocken und humorlos mit 600 Querpässen zwischen den Innenverteidigern nach Hause segelt. "Haltet doch den Ball an der Mittellinie, da tut ein Ballverlust nicht so weh wie fünf Meter vorm eigenen Tor" kreische ich seit Wochen in zweiten Halbzeiten durch den Äther. Es ist so unverständlich. Denn mit einer dominanteren Spielweise würde sich wieder mehr Selbstvertrauen in den Jungs breitmachen, das wiederum Fehler vermeiden hilft. So devot um den eigenen Strafraum zu kriechen ist doch scheiße.

Das ist dann der Punkt, den man Favre wirklich vorwerfen muss. Sein Ansatz mag auf dem Papier funktionieren, aber auf dem Rasen hat er sich als viel zu volatil erwiesen. Leider, denn grundsätzlich finde ich diese überlegte Art des Fußballs echt toll. Das tut mir persönlich wirklich leid, ich gönne Favre allen Erfolg der Welt, ich mag den Mann. Er ist von seiner Idee überzeugt und zieht sie durch, das verdient Anerkennung. Ist eine Seltenheit auf dem fragilen Trainermarkt. Ähnlich wie Peter Bosz, was jetzt nicht die Parallele ist, die man ziehen möchte, aber sie ist einfach da.

Und da sind wir beim Tragischen: Favre ist der erste Trainer seit Tuchels erster Saison, der eine anständige Punkteausbeute rausholt. Die Ergebnisse sind da, aber so ungleichmäßig über die Saison verteilt. Die Spielweise ist weitgehend attraktiv, schießt sich aber bei der Ergebnisverwaltung selber immer wieder ins Knie. Die Hinrunde war super, die Rückrunde, insbesondere bei Betrachtung einiger Einzelergebnisse, darf man langsam ruhig als "schlecht" bezeichnen.

Wenn das alles weniger extreme Ausschläge hätte, wenn die Saison "glatter" verlaufen wäre, wären wir alle glücklich und zufrieden. So wie es jetzt ist lastet leider ein dunkler Schatten auf ansonsten ausgesprochen erfolgreicher, produktiver und alle Seiten zufriedenstellender Arbeit. Ich würde mir wünschen, wenn wir die Zusammenarbeit weiterhin fortführen würden. Aber wenn sich der ausgesprochen negative Trend der Rückrunde im August bestätigt, stehen wir im Dezember wieder ohne Trainer da. Und noch eine rausgeschmissene Saison wäre echt scheiße.


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