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Eine Frage zum Thema Taktik: (BVB)

bobschulz, MS, Sonntag, 01.11.2020, 12:51 (vor 2180 Tagen) @ Will Kane

Ich vermute, meine Frage ist dumm, aber ich habe bisher keine schlüssige Antwort drauf gefunden:

Bei Spielen mit klarem Favoriten gegen Underdoog folgt das Spielgeschehen meist dem immer gleichen Muster: Der Favorit hat sehr viel Ballbesitz, passt sich minutenlang den Ball quer vor des Gegners Strafraum hin und her, mit der Hoffnung hin und wieder mal eine Lücke im gegnerischen Abwerbollwerk zu finden.

Hier kommt meine Frage: warum geben die favorisierten Mannschaften nicht öfter dem Underdoog den Ball, pressen ihn dann früh und erzwingen so Fehler im Aufbauspiel, wodurch enorm gut bespielbare Lücken entstehen?
Der Favorit würde so das permanent gut gestaffelte Bollwerk umgehen und würde den Underdoog gleichzeitig etwas tun lassen, was der nicht so gut kann: den Ball gepflegt nach vorne spielen.


‚Underdogs‘ wissen, dass sie underdogs sind. Zumindest wenn es wirkliche underdogs sind. Die lassen sich nicht auf eine Spielweise ein, die sie selbst nicht beherrschen bzw. welche die überlegene Mannschaft um Klassen besser beherrscht. Denn eine überlegene Mannschaft kann auch besser kontern als eine unterlegene. Verliert man den Ball im Aufbauspiel, dann fegen dir die Bayern, wir oder Leipzig den Konter so schnell um die Ohren, dass du gar nicht so schnell gucken kannst wie der Ball im eigenen Netz liegt.

Deshalb will der Underdog den Ball gegen solche Teams auch gar nicht haben. Denn was man nicht hat, das kann man auch nicht verlieren. Wenn sich der spielerisch überlegene Gegner zurückzieht, dann wird ein cleverer Underdog daher den freigegebenen Raum nicht einfach besetzen. Man wird ganz vorsichtig etwas höher stehen, aber ohne die defensive Grundformation aufzugeben; eventuell passt man sie leicht an. Man wird aber nicht versuchen, mittels kombinativem Spielaufbau nach vorne zu kommen. Der Ball wird solange in den eigenen Reihen gehalten, bis der Gegner wieder aufrückt. Und dann wieder lang nach vorne geschlagen. Vielleicht wird er von einem schnellen Stürmer erlaufen, Hauptsache er ist wieder weit weg vom eigenen Tor und man kann sich wieder kompakt staffeln.

Das Ziel solcher Teams ist es, ein 0:0 zu erreichen. Das ist absolut legitim, sagt aber eigentlich auch schon alles.

Mitunter kommt es vor, dass Trainer/Teams es nicht wahrnehmen oder wahrhaben wollen, dass man aus welchen Gründen auch immer zu einem spielerisch-taktisch stark unterlegenem Team geworden ist, obwohl man es in eine längeren Phase vorher aufgrund einer ‚Spielidee‘ nicht war. Und man merkt zu spät, dass das Festhalten an dieser ‚Spielidee‘ zu einer Niederlagenserie führt. Werder in der letzten Saison oder Schlacke in der letzten Rückserie bis zum Beginn der jetzigen Saison sind da gute Beispiele. Da steigt man dann nur durch äußerst glückliche Umstände nicht ab oder kassiert auch gerne einmal acht Tore in München, von denen mindestens die Hälfte Kontertore der Bayern nach Ballverlusten der Blauen waren. Und es kommt nicht von ungefähr, dass die neue ‚Spielidee‘ bei Werder nun ‚defensive Stabilität‘ und bei Schlacke ‚hinten dicht und vorne hilft vielleicht der Zufall oder ein Standard‘ heißt.


Den einzigen Grund, warum das nicht von Favoriten gemacht wird kann ich mir nur so vorstellen, dass es deutlich Kräfteraubender ist zu pressen als sich den Ball gepflegt zuzuspielen und den Gegner laufen zu lassen. Aber wenn das so wäre, dann frage ich mich, warum baut man nicht hin und wieder solche Phasen im Spiel ein, gerade wenn man das Gefühl hat schon seid 20 Minuten gegen eine Wand zu laufen?


Was oder wen willst du pressen, wenn der Gegner den Ball gar nicht haben will?

Jede Phase, in der ich dem underdog den Ball überlasse, wird der als ‚Verschnaufpause‘ für sich nutzen. Zwinge ich ihn allerdings dadurch zu ständiger Abwehrarbeit, dass ich ‚Ball und Gegner laufen lasse‘ (wie es früher so schön hieß), erhöhe ich die Chance auf Ermüdungserscheinungen / Konzentrationsmängeln beim Gegner, die mir die entscheidende Lücke bringen kann.

Alles richtig, bleibt aber das Problem der Ungenauigkeit:
Wenn unsere Pässe oft so gespielt werden, dass sie schwer kontrollierbar sind oder unsere Ballannahmen(bzw. -mitnahmen) mangelhaft sind hilft es nur dem Gegner, der dann einen Moment der Ruhe hat. Das ist ja das was Lucien Favre einfordert: Konzentriert bleiben und dabei nicht ungeduldig werden. Denn je hektischer Du auf den schnellen Erfolg schielst desto ungenauer wird es.


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