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Ich geb mal den Tuchel-Versteher (BVB)

Micawber, Sauerland, Montag, 15.05.2017, 11:29 (vor 3159 Tagen) @ Elmar

Ich versuch mich mal, als Tuchel-Versteher in seine Lage zu versetzen.

Vorab noch der Hinweis, dass ich bei Tuchel, wie bei vielen anderen Star-Trainern (Guardiola, Mourinho, Van Gaal, Magath etc.) oder auch anderen Führungskräften in der Wirtschaft (Steve Jobs) durchaus einige psychologische Besonderheiten (neutral formuliert) für nicht unwahrscheinlich halte, die man in einem ganz allgemeinen Sinn auch als asozial bezeichnen könnte.

Tuchel bekommt also die Chance einen deutschen Top-Club mit internationalem Ansehen zu trainieren. Im ersten Jahr läuft aus sportlicher Sicht fast alles optimal. In der Bundesliga holt man die zweibeste Punkteausbeute aller Zeiten und wenn die Bayern nicht noch überragender gewesen wären, hätte man sogar Meister werden können. Im Pokal kommt man ins Finale und scheitert denkbar knapp im Elfmeterschießen, in der EL spielt man ordentlich und verliert letztlich auch etwas unglücklich in einem denkwürdigen Spiel.

Vielleicht gab es schon damals Grund zu Klagen im Hinblick auf „Verhaltensauffälligkeiten“, aber wenn es sie gegeben haben sollte, wurden sie vom sportlichen Erfolg überdeckt.

Danach kam es dann aber zu mehreren Brüchen. Es begann damit, dass entgegen der mehrfach getätigten Aussage des Verantwortlichen doch alle drei Spieler (Hummels, Gündogan und Mkhitaryan) den Verein verließen. Vor allem Mkhitaryan war ein mehr als herber Verlust, ähnlich schwer wie der von Wolfsburg als man de Bruyne abgegeben hatte. Auch die Abgänge der beiden anderen schächten die Substanz ganz erheblich und machten in jedem Fall schon mal einen gewissen Umbruch und Neuaufbau notwendig.

Dazu kam dann, dass der Verein Tuchels Wunschspieler nicht holen konnte oder wollte. Seine geforderten Ersatzlösungen (Toprak, Bellarabi und O.Torres) kamen eben nicht, stattdessen andere Spieler, die meist jung und talentiert waren, aber wohl nicht hundertprozentig in sein Anforderungsprofil passten. Während Guardiola vorher bei den Bayern Thiago (oder nichts) wollte und prompt bekommen hatte, konnte Tuchel sich gegen die BVB-Bosse nicht durchsetzen. Er sah sich wohl als Einzelkämpfer gegen die Alteingesessenen und als Sündenbock musste dann der Chefscout Mislintat herhalten, da er es sich ja noch nicht gleich komplett mit Watzke und Zorc verderben konnte.

Aus Tuchels Sicht heraus hatte er jetzt die eher undankbare Aufgabe, einen Umbruch im Team durchführen zu müssen und das auch noch mit anderem Personal als gewünscht, wobei man zugleich auch noch von ihm erwartete, die vielen jungen Talente zu integrieren und möglichst viel Spielpraxis zu ermöglichen.
Als dies in der Bundesliga phasenweise nur bedingt gelang und er dann auf seine schwierige Lage aufmerksam machte, kontern die BVB-Verantwortlichen knapp mit dem Hinweis auf den teuren „Luxuskader“ und heben nochmals das Mindestziel der direkten CL-Qualifikation hervor.

Spätestens damit dürfte sich Tuchel aus seiner Sicht als Einzelkämpfer gegen das ihm nicht wohlgesonnene Umfeld gesehen haben, und die in Gang geratene Spirale der Eskalation drehte sich nur noch schneller. Als dann Watzke zu einem denkbar unpassenden Zeitpunkt auch noch die Meinungsverschiedenheiten in die Öffentlichkeit trägt und daraufhin eine Demontage seiner Person durch die Presse beginnt und er ohne jegliche Unterstützung durch den Verein dasteht, ist erst recht alles zu spät.

Zusage nicht gehalten (Abgänge) – Wünsche nicht erfüllt – Schwierigkeiten nicht ausreichend gewürdigt – Festhalten an hohen Zielen – Austragen der Konflikte in der Öffentlichkeit mit der daraus entstehenden Unruhe.

Aus Tuchels Sicht der Dinge hat man seine Arbeit also permanent erschwert, wenn nicht sogar sabotiert. Im Grunde ist es daher sogar verwunderlich, dass er es scheinbar schafft, sich auf das Sportliche zu konzentrieren und die Saison möglicherweise doch noch zu einem sehr guten Ende (Platz 3 und Pokalsieg) zu führen.

Nur zur Klarstellung: Persönlich halte ich das Vorgehen des Vereins (Verkauf aller Spieler, die nicht zu halten waren gegen hohe Ablöse, Verzicht auf völlig überteuerte Leverkusen-Spieler oder Transfers günstiger und talentierter Nachwuchsspieler) für absolut richtig und halte es auch für richtig, sich von einem Trainer zu trennen, wenn man mit diesem keine gemeinsame Basis mehr hat.

Ich bleibe allerdings auch dabei, dass man diese Trennung auf einem professionellerem und für beide Seiten akzeptablen Weg hätte umsetzen müssen.


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