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moderner Fußball - Stimmung allgemein (post-covid) (Fußball und Sport allgemein)

FourrierTrans, Freistaat Sauerland, Donnerstag, 24.03.2022, 11:44 (vor 1400 Tagen) @ magic82
bearbeitet von FourrierTrans, Donnerstag, 24.03.2022, 12:03

Deine Beschreibung passt ziemlich gut zu mir selbst. Alter, Fußballhintergrund und die Entwicklung eben dieser. Ich kann nicht genau sagen, inwiefern diese Entwicklung auch schlicht einem fortschreitenden Alter geschuldet ist (mit Anfang/Mitte 30 ist das Leben dann nun doch auch etwas anders, als mit Anfang/Mitte 20), allerdings muss ich den Punkt "Fußball" für mich persönlich auch in einer gesamtgesellschaftliche Entwicklung sehen.

Vorab sei gesagt, dass ich all die Entwicklungen in Gänze wertfrei im Raum stehen lassen möchte und die Beschreibung nur für mich persönlich gilt.
Ich bin ländlich aufgewachsen und habe dort immer noch einen Großteil meiner Freunde, lebe aber seit vielen Jahren (bisher noch) in Dortmund. Man kann durchaus sagen, dass ich familiär und freundschaftlich von langjährigen und festen Beziehungen umgeben bin. Dennoch ertappe ich mich immer häufiger dabei, insbesondere in der Zeit seit/nach Covid, dass ich das Gefühl habe, in einer Gesellschaft zu leben, die mir und meinem Wesen völlig fremd ist und sich extrem oberflächlich anfühlt. In der Stadt noch stärker, als auf dem Lande. Die oben beschriebene soziale Umgebung macht es mir dann aber leicht, dieser Gesellschaft zu "entfliehen" oder sie einfach als gegeben hinzunehmen.

Ich erinnere mich an eine wunderschöne Kindheit, die davon geprägt war, sich mit Freunden und Kindern der Nachbarschaft draußen aufzuhalten. Nahezu immer. An der Ruhr, im Freibad, auf dem Fußballplatz. Die Bolzplätze waren immer belegt, sei es in Dortmund wenn ich den besten Kumpel besucht habe (unsere Müttern kannten sich schon seit unserer Geburt) oder eben auf dem Lande. Es war immer voll, man musste sich stets arrangieren. Im Zweifel haben wir auf der Straße bzw. dem Asphalt gepöhlt. Mir fällt seit einigen Jahren auf, dass Bolzplätze immer verwaist sind, wenn ich an einem vorbeikomme (egal ob im Ruhrgebiet oder im Sauerland). Zudem sieht man die Entwicklung im Amateurjugendsport (zumindest auf dem Lande in den Kreisen Unna, Soest, MK und HSK), bei dem sich teilweise 3-4 ehemals eigenständige Vereine zusammentun, um überhaupt noch eine U19, U17 oder noch jünger stellen zu können. Ich habe aktiv 14 Jahre Fußball gespielt, da war es absolut normal, dass jeder etwas größere Verein (z.B. in einer Gemeinde mit 7-8k Einwohner) immer eine zweite Mannschaft hatte. Also quasi A2 oder B2 (damals hieß das noch A-Jugend, B-Jugend...). Ähnliche Entwicklungen berichten mir allerdings auch Freunde oder Bekannte, die von anderen Sportarten kommen, Beispiel Handball. Die Leistungszentren gibt es natürlich weiterhin, aber ich frage mich, was die große Masse an Kindern macht. Gefühlt sehe ich auch nie Kinder draußen, nicht eimal im Sommer. Reines Gefühl, kann ich nicht mit Beweisen untermauern.
Wenn ich in die eigene Familie schaue, von der ich behaupten würde, dass die Kids da noch recht gut in einem sozialen (Vereins-)Leben eingebettet sind, kann man erkennen, wie das Leben der Kids tendenziell aussieht. Hierbei kein Vorwurf an die Eltern, mir scheint das einfach eine gesellschaftliche Entwicklung zu sein, aber es ist unfassbar, wie viel Leben sich in der digitalen Welt abspielt. Wir haben auch mal gezockt, wir haben auch Smartphones und Facebook, aber ein Blick auf die jüngere Generation ist da echt beängstigend. Ich habe kürzlich mitbekommen, dass es wohl so eine Art Youtuber gibt, die schlicht andere Gamer beim zocken kommentieren. Die sind dadurch so berühmt, einer davon nennt sich "Paluten", dass sie bereits Millionen angehäuft haben. Mit simplen Werbeverträgen oder Merchandising von z.B. Plüschtieren, die dann direkt 50 Euro kosten. Vielleicht gibt es hier User, die von ihren Kids ebenfalls mit dieser Welt konfrontiert werden. In den Schulen der Kids aus meiner Familie, scheint das der letzte Schrei zu sein. Also die sitzen da wirklich, neben der ganzen digitalen Kommunikation via Whatsapp und co., vor dem Screen und schauen sich diese Videos an, wo jemand sich selbst filmt und kommentiert, was ein anderer Gamer an seinem Screen gerade tut. Und diese Person ist so "fame", dass sie von sich Plüschtiere und anderen Kram für "teuer Geld" verkauft. Für mich ist das komplett schizoid, ich komme da nicht mehr mit. Mit Mitte 30.

Aber auch die Erwachsenengesellschaft hat sich verändert, meinem Gefühl nach. In der Industrie wird massiv ins Homeoffice verlagert (zumindest die ganzen Office-Jobs), Tendenz eher steigend, irgendwann sicherlich auch bei den kleineren Unternehmen. Das hat viele Vorteile, gar keine Frage, und ja auch ich freue mich darüber, eben nicht mehr um 6 Uhr aufzustehen, um pendeln zu müssen. Aber man taucht auch hier stundenlang in eine digitale Welt ab. Möglicherweise wird das in der Automobilindustrie exzessiver betrieben, als in anderen Branchen, aber ich (obwohl eher fertigungsnah) verbringe die meiste Zeit vor Teams und diskutiere mit Leuten, die ich teilweise monatelang (manche seit 2 Jahren) oder noch nie im echten Leben gesehen habe. Man springt von einem Meeting ins nächste, macht eine weitere Board PPT und eine Datenauswertung und dann ist der Tag rum. Fast wie in der Matrix. Trotz aller Annehmlichkeiten muss ich sagen, wenn man sich mal zurücknimmt und das Ganze von außen betrachtet, ist das schon ziemlich strange. Es gab Zeiten, da hat man sich ans Whiteboard gesetzt, Worskhops gemacht und hat sich mit dem Team in Shanghai oder Mexiko getroffen. Man hatte echte persönliche, menschliche Kontakte.

Um den Dreh zu deiner Frage wieder zu bekommen: im privaten Umfeld sehe ich das auch. Da haben seit Corona dann doch viele Veranstaltungen nicht mehr so den drive, mancher wird doch zu "faul" um sich aufzuraffen, Freitagabends was zu unternehmen. Die alten Stadionbande sind auch zu vielen verflogen in den vergangenen zwei Jahren. Hinzukommen die ewig täglichen Katastrophen und Krisen. Ukraine, Klimawandel, ein Wirtschaftssytem welches nicht mehr nachhaltig funkioniert. Ich glaube es muss sich sehr viel ändern in unserer Gesellschaft, um nicht irgendwann in einer Mischung aus "1984" und "Brave New World" zu leben. Just my feeling.


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