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Menschen mit Depressionen werden immer noch im Stich gelassen (BVB)

Sven @, Witten, Mittwoch, 04. Dezember 2019, 22:47 (vor 2 Tagen) @ Sebi

Das Interview habe ich noch nicht gelesen, werde es am Wochenende aber nachhohlen.

Ich arbeite als Hausarzt und bin daher für viele, viele Menschen mit Depressionen der erste Anlaufpunkt.
Natürlich gibt es verschiedene Schweregrade, bei der jeweils eine andere Art der Behandlung notwendig ist.

Ich kann deine Eindrücke leider weitestgehend bestätigen.

Gerade, was die ambulante Versorgung betrifft, sieht es teilweise finster aus. Da brauche ich selbst gar nicht mehr zum Hörer zu greifen. Eine kurzfristige ambulante Anbindung ist im Grunde unmöglich.

Wenn ich selbst in der Psychiatrie anrufe, um einen Patienten unterzubringen, der depressiv, aber nicht akut selbstmordgefährdet ist, klappt es in den meisten Fällen. Aber auch nur, wenn ich selbst anrufe und mit Engelszungen auf den Kollegen einrede und am besten erwähne, dass ich die Eigengefährdung letztlich eben doch nicht ausschließen kann.

Eine gewisse Grundversorgung kann ich selbst leisten und Vieles auffangen, aber ein Facharzt für Psychiatrie bin ich natürlich nicht und kann diesen entsprechend nicht ersetzen.

Ich würde mir als Bestandteil der ärztlichen Versorgung wünschen, dass in Fällen, die ich selbst als kritisch/gefährdet erachte, eine kurzfristige Vorstellung im Bereich einer Klinik möglich ist, wo ein Facharzt die Situation einschätzt und je nach Dringlichkeit die weitere Versorgung vermittelt. Ist aber leider nur Wunschdenken.

Die Realität deckt sich schon recht stark mit dem, was du erlebt hast. Im Zweifelsfall bleibt oft tatsächlich nur Suizidgedanken zu erwähnen, um zumindest stationär Hilfe zu bekommen.

Ein großes Dankeschön, dass ihr euch dieses Themas annehmt. Wie das im Sport aussieht, weiß ich zwar nicht. Aber abseits davon bin ich seit der schweren Depression meiner Tochter hellauf entsetzt, wie sehr Menschen mit Depressionen im Stich gelassen werden. Klinken, die sich weigern, Akutfälle aufzunehmen (außer, der Betroffene äußert ganz klar die Absicht, sich umzubringen, dann ist eine Klinik bereit, den Betroffenen für 8 (!) Stunden über Nacht in Sicherheitsverwahrung zu nehmen), gleiches gilt für Neurologen und Psychotherapeuten. Telefonhotlines, die in den Medien immer wieder auftauchen ("Sie haben Selbstmordgedanken? Rufen Sie uns an ..."), wo aber den ganzen Tag niemand drangeht oder nur ein Faxgerät daran angeschlossen ist. Ich hätte das alles vorher niemals für möglich gehalten. Und laut der Psychotherapeutin, bei der meine Tochter mittlerweile ist, sind meine Erfahrungen alles andere als Einzelfälle. Man kann akut Betroffenen, so zynisch das auch ist, fast nur raten, sich etwas anzutun, denn dann kommt nämlich ein Krankenwagen und man wird im Krankenhaus aufgenommen. Fast die einzige Chance und das zeigt, dass da etwas ganz gewaltig schief läuft.

Im Ausland ist das übrigens ähnlich beschämend. Bei der Familie meines Schwagers in Norwegen gibt es jemanden, der drogensüchtig war und endlich selbst dazu bereit war, auf Entzug zu gehen. Doch Plätze gibt es nur für Straftäter. Gut, musste er sich halt eine Pistole besorgen und in eine Bank stürmen und das Personal bitten, die Polizei zu rufen. Zum Glück reichte das. Er musste niemanden verletzen (wenn man mal von der Angst absieht, die die Angestellten sicherlich hatten).

Entschuldigung, wenn das zu sehr Off-Topic sein sollte, aber das Thema muss leider viel viel stärker in den Fokus geraten, damit sich etwas ändert und entsprechend klasse, dass ich ihr euch dem widmet.

Hallo Sebi, vielen Dank für das Schildern deiner Erfahrungen als Hausarzt. Hast du möglicherweise noch einen Tipp für Betroffene parat? Mein zynischer Tipp, dass man sich schon selbst etwas antun muss, damit man in der Klinik aufgenommen wird, ist natürlich nicht hilfreich, sondern entspricht der Hilflosigkeit. Wir haben uns letztendlich mit viel Energie und Geduld und Glück selbst da raus gezogen. Aber vielleicht kannst du Betroffenen etwas Hilfreiches mitgeben?

 

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