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Die schönste Zeit? (BVB)

Will Kane, Biosphärenreservat Bliesgau, Sonntag, 10.03.2019, 17:51 (vor 2681 Tagen) @ Juninho90


Hast ja viel mitgemacht in den letzten Jahrzehnten.

Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Je älter man wird, desto mehr erlebt man... ;-)

Welche Zeit war für dich die Schönste? Mit meinen knapp 30 Jahren bin ich noch relativ jung, aber kann schon behaupten, dass mir die Jahre unter Klopp wirklich fehlen... So ein charismatischer Trainer, gepaart mit einer absolut geilen Einstellung und Spielweise des Teams - das werden wir, fürchte ich, so schnell nicht wieder sehen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Frage beantworten kann. Jede Zeit hat ihre schönen und unschönen Seiten. Das eigene Alter spielt auch eine Rolle. Als Kind erlebt man alles in einer anderen Art und Weise denn als Jugendlicher, und als Erwachsener ist es noch einmal anders. Auch die Eingebundenheit in den Beruf spielt eine große Rolle und auch, ob man eine eigene Familie hat oder nicht.

Bei mir ist es so, dass ich im Laufe der Zeit vielen Dingen immer differenzierter gegengestanden habe und dieser Prozess geht weiter. Spontane Freude über ein Tor unseres BVB beispielsweise ist mir nicht abhanden gekommen. Emotionalität ist ein wesentlicher, vielleicht der wichtigste Faktor für den Erfolgsweg, den der organisierte Fußball von seinen Anfängen bis heute weltweit genommen hat. Aber einen Fußballclub zu führen, eine Mannschaft zusammenzustellen oder diese zu trainieren erfordert deutlich mehr an Sachlichkeit als an Emotionalität. Eine gewisse Distanziertheit zu dem, was und wofür man etwas tut, ist dabei sogar von Vorteil, weil man sonst die Fähigkeit zur (notwendigen) kritischen Selbstreflexion nicht erlangt oder behält.

Meine ersten bewussten Jahre als Kind waren sicher sehr schön für mich. Das waren Erlebnisse, die auf mich einstürmten, die etwas von Abenteuer, von Freud und Leid, von kindlichem Stolz und dem Gefühl, zu dieser Erwachsenenwelt dazuzugehören hatten. Mein erstes Fußballspiel, dass ich ‚live‘ am TV verfolgen durfte und an das ich mich sogar recht gut erinnere, war das (letzte) Endspiel um die Deutsche Meisterschaft zwischen dem BVB und dem EffZeh. Dann kamen die ersten Bundesligaspiele im Stadion, sogar die ersten Europapokalabende. Das erste war das vielleicht legendärste Spiel des BVB, gegen Benfica (3 Tore durch ‚Goldköpfchen‘ Brungs). Aber wirklich mitbekommen habe ich nicht sehr viel. Ich konnte gar nicht richtig das Spielfeld sehen, es war irgendwie diesig, wahrscheinlich vom über der Kampfbahn Rote Erde wabernden Zigarettenqualm. Aber Wendelin Papa und mein Onkel gejubelt haben, dann habe ich das dann auch gemacht. Damals standen/saßen die Zuschauer bis direkt an den Spielfeldrand, wenn ein Tor fiel dann rannten viele auf das Spielfeld, drückten die Spieler, jubelten. Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen, aber es war spontan, dabei friedlich und dies Zuschauer zogen sich dann auch alle ohne Probleme auf ihre Plätze zurück. Man kann und darf dies alles sicherlich nicht mit den heutigen Zuständen vergleichen, allein der Sicherheitsaspekt wiegt hier schwer. Vielleicht ist es diese ganz spezifische Atmosphäre, die ich als Kind mit absoluter Subjektivität aufgesogen habe, die ich heute am meisten am Fußball vermisse.

Die 66er Cupsieger waren meine Helden, die WM in England ‚meine‘ WM. Das Album mit den Sammelbildern sämtlicher Bundesligaspieler der Saison 66/67 aus dem Bergmann-Verlag hat heute noch einen Ehrenplatz in unserer Bücherwand. Auf dem Einband vorne ist natürlich ein Photo der Mannschaft unserer Borussia abgebildet. Es gab auch Dinge, die mir weh taten und die ich damals nicht verstanden habe. So z.B., warum es zu der Niederlage gegen die 60er kommen musste, die uns 66 die Meisterschaft gekostet hat. Das Wort ‚Belastungssteuerung‘ gab es damals noch nicht... ;-)

Den langsamen Niedergang habe ich erst gar nicht bemerkt, und der Biss einer wohlerzogenen Dortmunder Hündin in den blauen Hintern von Friedel Rausch fand ich prächtig...;-)
In den 70ern war der Abstieg traurig und Regionalliga West in der Roten Erde Triatesse pur. Aber die Eröffnung des Westfalenstadions war die Stunde unserer Wiedergeburt. Ohne dieses Stadion keine Einnahmen, keine finanzielle und sportliche Genesung, kein Wiederaufstieg. Und endlich wieder Bundesliga...

Von den 80ern habe ich zwischen Zebec und dem 89er Pokalsieg (auch ein Meilenstein) nicht so viel mitbekommen, von den 90ern deutlich mehr. Unvergessen der CL-Siegin München... Unvergessen aber auch meine eigene Skepsis gegenüber dem Kurs von Meier/Niebaum. Mitte der 00er fand ich das Gefühl, ‚meine Borussia‘ könnte ‚Phoenix-aus-der-Asche‘ - Gefühl hervorgerufen.


Das, was ich am meisten vermisse, ist die Einstellung, dass man gegen jedes Team dieser Welt gewinnen konnte. Klar, die Katastrophen-Spiele gegen tief stehende Teams habe ich nicht vergessen, aber es bleiben vor allem die positiven Erinnerungen.

Alles hat seine Zeit. Auch Klopp. Wenn ich etwas gelernt habe in all den Jahren, dann dies. Positive Erinnerungen sind etwas sehr schönes. Sie sollten aber nicht zum Maßstab für das Hier und Jetzt und auch nicht für das Morgen werden. Das wäre nicht nur unfair gegenüber den aktuell und zukünftig handelnden Menschen, sondern lähmt einfach auch die Offenheit für das notwendige Neue.


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