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Leidenschaft zum Fußball geht verloren oder? (Fußball und Sport allgemein)

chief wiggum, im schönen Münsterland, Montag, 17.07.2023, 10:54 (vor 927 Tagen) @ andreasschstr

Definitv ja. Ich hatte es schon in den letzten Jahren gemerkt, dass das Feuer weniger brannte. Das führte dazu, dass Spiele, die für mich früher absolute Pflichttermine waren wie Pokal- oder Champions-League Finale kaum geschaut wurden. Während früher meine Termine um die Heimspiele herum geplant und auch das ein oder andere Auswärtsspiel im Stadion mitgenommen wurde, waren es die letzten drei Jahre immer weniger Spiele, die ich im Stadion gesehen habe. Warum soll ich die Kosten und Strapazen einer Auswärtsfahrt auf mich nehmen, wenn das Ergebnis unterm Strich völlig unerheblich ist, weil der BVB sowieso nur 2. - 4. wird? Die Ignoranz gegenüber dem Spielplan führte dann z.B. dazu, dass ich das Bayern-Heimspiel in der letzten Saison verpasst habe, weil Urlaub gebucht war. Und beim Heimspiel gegen Augsburg in der letzten Saison ist mir dann etwas passiert, was mir früher undenkbar erschien: Ich habe meine Dauerkarte auf dem Zweitmarkt eingestellt, weil ich absolut keine Lust hatte, an einem kalten Sonntag Nachmittag ins Stadion zu fahren. Von meinen Kumpels auch keiner, weswegen die Karte auf dem Zweitmarkt landete.
Als sich dann im Laufe der Rückrunde zeigte, dass es in der Saison tatsächlich mal um etwas anderes gehen kann, als Platz 2, habe ich auch gemerkt, wie das Kribbeln vor den Spielen wieder da war. Um dann nach dem Mainz-Spiel völlig verschwunden und bisher nicht wieder erwacht zu sein.
Natürlich hört sich das für einen Außenstehenden jetzt sehr nach Rosinenpickerei an ("Wenn es um die Meisterschaft geht, geht er auch wieder in Stadion"), aber selbst zu Zeiten von Doll und Röber bin ich immer mit einer gewissen Vorfreude und Aufgeregtheit ins Stadion gepilgert. Das ist einfach weg.
Woran liegt es? Wie bereits an anderer Stelle geschrieben wurde, sicher am Alter. Wenn man mit seinen Kindern spielen, mit der Familie schöne Zeit verbringen kann, dann verzichtet man vielleicht leichter darauf, sich ein Heimspiel gegen Hoffenheim oder Wolfsburg zu geben.
Es ist aber noch mehr. Ich bin als Kind in den 80er und 90er Jahren mit der Bundesliga groß geworden und es war immer die sportliche Spannung, die mich für die Bundesliga eingenommen hat (Elfmeter Kutzop am 33. Spieltag an den Pfosten, Meisterschaft 92, Abstiegskonferenz mit Abstieg Nürnberg "wir melden uns vom Abgrund"). Dazu Vereine, die einen irgendwie gepackt haben, auch wenn man nicht Fan davon war und mit Sicherheit auch die selige Unwissenheit, wie Vereine wie Wattenscheid oder Stuttgarter Kickers es in die Bundesliga geschafft haben (Stichwort: Mäzene). Auch der Europacup war unausrechenbarer. Da flogen die Bayern auch schon mal in der ersten Runde als Titelverteidiger aus dem UEFA-Cup oder scheiterten an irgendwelchen unbekannten dänischen Vereinen, während Mannschaften wie der BVB bis ins Finale kamen oder Werder seine Wunder an der Weser vollbrachte. Als das fehlt heutzutage. Die Bundesliga wird immer ausrechenbarer und auch in der Champions League gibt es kaum noch wirkliche Überraschungsteams, die es weit bringen (Der neue Modus mit noch mehr Gruppenspielen wird m.M. dafür sorgen, dass es noch weniger Überraschungen gibt, weil sich Ausrutscher leichter korrigieren lassen). In der Regel kann ich vor einer Saison 6 Mannschaften benennen, von denen es drei sicher ins Halbfinale schaffen.
Dazu kommen nicht-sportliche Faktoren. Die Preise für einen Stadionbesuch in Dortmund sind inzwischen unglaublich,mit DK komme ich noch einigermaßen günstig rein, wenn Frau und Kind auch mitkommen sind wir inzwischen bei über 100€ mit Anfahrt und Verpflegung - für einen nicht mehr vorhandenen Wettbewerb. Die Spieler sind inzwischen kleine bzw. große Ich-AGs, die in einer abschotteten Blase keinen Kontakt mehr zur Umwelt haben. Das Training kann ich nur noch zu kurzfristig vorher angekündigten Terminen besuchen, Autogramme zu bekommen wird dabei auch schwierig. Ich kann mich noch an einen Saison in den frühen 90ern erinnern, in der die Mannschaft nach dem letzten Spieltag auf dem Vorplatz Nord gezapft hat. Untermalt wird das ganze immer mehr von Institutionen, Ländern und Personen, die Zugriff auf den Fußball haben, deren moralischer Kompass nicht mit meinem übereinstimmt.
Als Lösung habe ich für mich den Rückzug gefunden. Ja, die Dauerkarte habe ich immer noch, ich habe allerdings seit 2 Saisons keine Abos mehr. Die Bundesliga gibt es auf WDR2 und abends zusammen mit meinem Sohn die Sportschau. Wenn es mal Live-Fußball sein soll, besuchen wir die lokalen Landes- und Kreisligisten oder fahren mal zur Regional- oder 3. Liga. Auch da kann man schon guten Fußball sehen, die Eintrittspreise sind noch bezahlbar und Bier und Wurst schmecken auch. Mit all dieser Entfernung von der Bundesliga, konnten mein Sohn und ich auch das Mainz-Spiel relativ schnell und gut verarbeiten. Wir haben nicht wie einige andere tagelang Trauer tragen müssen.
Ansonsten kann ich empfehlen, einfach mal bei anderen Sportarten reinzuschauen: Handball ist faszinierend, wir gehen gerne zum Eishockey und beide Sportarten sind alleine deshalb erfrischend anzusehen, weil die Sportler es schaffen, Entscheidungen der Schiris -und die sind auch nicht immer das Gelbe vom Ei- kommentarlos hinzunehmen und auf Schauspielerei und Diskussionen zu verzichten.


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