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Wir sollten nicht vergleichen (BVB)

Will Kane, Biosphärenreservat Bliesgau, Sonntag, 03.03.2019, 13:56 (vor 2609 Tagen) @ Surfer87

Wie seht ihr den Vergleich zur jetzigen Saison? Wie positiv war man damals zum jetzigen Zeitpunkt? Was ist heute anders als 2011?

Ich glaube nicht, dass solche Vergleiche wirklich etwas bringen. Erinnerungen an positive Begebenheiten sind schön, nur sollten sie mMn nicht mit Situationen und handelnden Personen zu anderen Zeitpunkten verglichen werden. Die Umstände sind nämlich immer andere.

Ich habe sehr viele positive wie negative Erlebnisse mit dem BVB gehabt, aber wirklich vergleichbar waren sie nicht. Es ist in meinen Augen auch nicht fair den jeweiligen Beteiligten gegenüber, wenn man die unterschiedlichen Bedingungen zu den entsprechenden Zeiten nicht berücksichtigt.

Wenn man die Saison 10/11 mit der aktuellen Saison vergleicht, dann sollte man nicht vergessen, dass in den letzten 10 Jahren die Fußballwelt doch anders geworden hat.

Als die Spielzeit 10/11 begann, startete Klopp mit seinem Team in seine dritte Saison als Trainer des BVB. Er hatte also zwei volle Spielzeiten, um seine fußballerischen Vorstellungen peu à peu zu implementieren, diesbezüglich weniger geeignete Spieler auszusortieren und durch entsprechend geeignetere zu ersetzen. Dieser Wandlungsprozess wurde durch durch die Verpflichtung von Kagawa und Piszczek und das Hinzustoßen von Götze zum Abschluss gebracht. Klopp hatte am ersten Spieltag der Spielzeit 10/11 drei volle Sommervorbereitungszeiten und zwei (in ihrer Bedeutung natürlich wesentlich geringere) Wintervorbereitungszeiten hinter sich. Da konnte etwas organisch wachsen. Klopps Fußball war in seinen Elementen nicht neu, in seiner Komposition schon. Die Umstände waren gleichzeitig günstig, weil der BVB mit diesem Pressing-/Gegenpressingfußball die anderen Bundesligateams überraschen konnte. Die Bayern zerrieben sich gerade selbst im Konflikt van Gaal - Hoeneß, Leverkusen spielte unter Heynckes zwar durchaus attraktiv und erfolgreich, aber am Ende auch nicht konstant genug. Eine Mehrfachbelastung gab es in der Rückrunde nicht. Im Pokal war man sehr früh ausgeschieden, in der EL hatte man die Gruppenphase nicht überstanden. Die Verletztensituation war relativ entspannt.

Hinzu kommt, und das ist nicht unwesentlich, dass die Erwartungshaltung eine ganz andere war. Wenn es nach der Hinrunde in der Rückrunde nicht mehr so funktioniert hätte und der BVB vielleicht Zweiter oder Dritter geworden wäre, dann wäre die dennoch als Erfolg gewertet worden nach den Rängen 6 und 5 in den Vorjahren und vor allem der fußballerischen Wiederauferstehung. Heute stehen ganz andere Zwänge und Erwartungshaltungen dahinter. Im Pokal sollte man möglichst weit kommen, am besten ins Finale. Die Gruppenphase der CL sollte auf jeden Fall überstanden werden, mit einem Viertelfinale wird zumindest geliebäugelt. In der Bundesliga ist die CL-Qualifikation Pflicht und nach zwei fußballerisch eher mageren Jahren (vorsichtig gesprochen) soll der Fußball auch wieder ansehnlicher sein.

Die jungen Himmelsstürmer der Saison 10/11 hatten alles zu gewinnen und nichts zu verlieren. Durch die Erfolge in den letzten 10 Jahren, das exorbitante Wachstum des Clubs, die explosionsartig weiter steigende Bedeutung des Geldes ist der Druck auf den Club, diesen Erfolg aktuell und auch in Zukunft aufrecht zu erhalten, enorm gestiegen. Bereits in den letzten Kloppjahren war dies deutlich zu spüren und die Dinge gingen nicht mehr so einfach von der Hand. Was es bedeuten kann, nicht mehr mithalten zu können, hat man in der Saison 14/15 erlebt. Auch wenn es am Ende noch einen einigermaßen versöhnlichen Abschluss gab, die ausbleibenden Gelder aus der CL waren vielleicht zu kompensieren, aber gefehlt haben sie dennoch. In der zweiten Tuchelsaison haben hat die Mannschaft sich zur CL-Teilnahme gequält und einen Anschlag auf Leib und Leben zu verkraften gehabt. Der freie Fall in der Hinrunde nach erfolgreichem Start und die holprige Stabilisierung unter Stöger mit ständiger Rechnerei, ob es noch zur CL-Qualifikation reicht, haben bestimmt auch nicht für freie Köpfe gesorgt. In dieser Saison haben wir zwar einige neue und auch junge Spieler im Team, aber man sollte nicht außer acht lassen, dass noch genügend Spieler im Kader sind, die in den letzten Spielzeiten miterlebt haben, wie es ist, wenn die Angst vor dem Verlieren im Nacken sitzt.

Favre hat mit einem in Teilen umgestalteten Kader mit neuen Spielern sowie Spielern, von denen man sich trennen wollte und will, erst eine (seine erste) volle Sommervorbereitung absolvieren können. Mit Marketingverpflichtungen, die es vor 10 Jahren noch nicht gab. Und eine kurze Wintervorbereitung, die eher im Zeichen der Regeneration stand und bei der nicht alle Schlüsselspieler mittrainieren konnten. Der personelle Umbruch ist auch noch nicht abgeschlossen. Zu Beginn und im Verlauf der Hinrunde waren die Erwartungen an die Saison dabei bei weiten nicht so hoch wie am Ende. Vieles funktionierte, Neuverpflichtungen wie Witsel oder Delaney wurden zu Schlüsselspielern, Reus blieb verletzugsfrei und konnte seine Klasse demonstrieren, Paco traf, man auch Glück. Aber einige wichtige Spieler mussten durchspielen, und es war nur eine Frage der Zeit, wann eine Schwächephase eintreten würde.

Am Ende der Hinrunde und mit Beginn der Rückrunde hat der geänderte Erwartungsdruck aus meiner Sicht bei den Spieler auch einiges im mentalen Bereich geändert. Vor einigen Wochen habe ich es so formuliert, dass man realisiert hat, dass man nicht wie in der Hinrunde im Prinzip nur gewinnen konnte, man hatte plötzlich etwas zu verlieren. Bei den Bayern ist es im übrigen umgekehrt. In ihrer Schwächephase, die mit Konflikten zwischen dem neuen Trainer und Teilen des Teams einherging, hat Hoeneß ein Machtwort zugunsten des Trainers gesprochen und die Erwartungshaltung an die Mannschaft für diese Saison heruntergesetzt. Seitdem sind die Bayern wieder in der Spur. Sie können jetzt nur noch gewinnen. Dumm ist er nicht, der Uli. Zumal Drucksituationen und der Umgang damit in jeder Saison für Bayernspieler Normalität bedeuten.

Aber unsere Mannschaft und die Clubverantwortlichen sollten sich nicht mit den Bayern beschäftigen. Volle Konzentration auf sich selbst, es gibt einiges zu tun, was die Bayern machen ist uninteressant. Wir müssen wieder in die Spur kommen, der permanente Blick auf die Tabelle kann da mehr lähmen als motivieren. Alles andere wird sich dann ergeben.

Die Unbekümmertheit der Himmelsstürmer von 10/11, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatten, ist Geschichte. Eine schöne Erinnerung, aber für einen Vergleich mit heute aus meiner Sicht untauglich.


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