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[meinungsaustausch] Stürmerkarrieren am Beipsiel S. Terodde (BVB)

Will Kane, Biosphärenreservat Bliesgau, Sonntag, 26.08.2018, 12:58 (vor 2904 Tagen) @ mcprivat

Ich glaube, das von Dir gewählte Beispiel Simon Teroddes ist vielleicht nicht ganz passend. Am Beispiel Nils Petersens lässt sich mMn recht gut einiges bezgl. der grundsätzlichen Problematik aufzeigen. Dazu aber weiter unten mehr.

Zunächst ein Hinweis auf den Nachwuchsbereich. Dort solltest Du Dich eventuell einmal etwas intensiver und genauer gerade hinsichtlich der Stürmerposition umschauen. Was mir immer wieder auffällt, ist die Bedeutung der körperlichen Entwicklung. Trotz aller frühzeitigen Schulung in allen Bereichen und strenger Selektion von Jahrgangsstufe zu Jahrgangsstufe spielt die Physis immer wieder eine entscheidende Rolle. In der Negativselektion spielt sie heute deutlich weniger eine Rolle als noch vor 10, 15 Jahren. Dass ein Talent wie Reus durchs Raster fällt, weil man ihm rein körperlich den harten und fordernden Profifußball nicht zutraut, dürfte heutzutage wohl kaum mehr passieren. Aber in der Positivselektion passiert es nach wie vor und dazu recht häufig, dass junge Spieler, die in ihrer Physis im Entwicklungsstand ihren Altersgenossen z.T. weit voraus sind, bis in den Profibereich auf von Topclubs aufrücken, obwohl letztlich die Begabung dafür nicht ausreicht.

Die körperliche Entwicklung ist nämlich mit 15,16 keinesfalls durchgängig abgeschlossen. Gerade im Bereich des Muskelzuwachses tut sich in den Jahren darauf noch einiges. Nicht selten werden auf der Stürmerposition Spieler eingesetzt, die sich auch aufgrund ihrer körperlichen Präsenz leichter gegen Spieler durchsetzen können, die körperlich noch nicht ganz so weit sind. Letzteres trifft sogar auf die IV-Positionen zu. Dann trifft ein Nachwuchsspieler im Nachwuchsbereich sehr oft, wenn er dann aber im Profibereich gegen körperlich gleichwertige oder gar überlegene Spieler antritt, gereichen ihm eventuelle Defizite in anderen Bereichen, die im Nachwuchsbereich durch die körperliche Überlegenheit übertüncht wurden, zum Nachteil. So ist schon manche erwartete Stürmerkarriere frühzeitig beendet gewesen. Zeit für die weitere spielerische / taktische Entwicklung, für die nicht nur Training, sondern auch ausreichend Einsatzzeiten im Spielbetrieb notwendig ist, bekommen junge Spieler in Topclubs nur eher selten. Siege bedeuten Geld, und genau darum geht es im Profifußball. Niederlagen will und kann niemand riskieren, und deshalb spielen auch fast immer die zuverlässigen scorer. Es ist ja kein Zufall, dass bei vielen Topclubs als Rotationsspieler hinter dem Topstürmer kein junges Talent steht, sondern ein erfahrener Stürmer. Kann man in der PL sehen, aber auch z.B. bei Bayern. Sicherlich gibt es auch Ausnahmen, aber es bleiben halt Ausnahmen.

Zu Petersen:
Er war ein junger, erfolgreicher Stürmer in der dritten Liga, der dann als junger Spieler in der zweiten Liga ebenfalls erfolgreich wurde. Dann holte ihn die Bayern, um weitere Konkurrenz zu Gomez zu haben. Naturgemäß bekam er kaum Einsatzzeiten, für die Bayern geht es in allen Wettbewerben um alles. Auch war der Schritt von Cottbus zu den Bayern riesig; Petersen konnte sich da in der Kürze der Zeit gar nicht an das erforderliche Niveau heranarbeiten. Er wurde nach nur einem Jahr nach Bremen ausgeliehen, wo es dann im Jahr der Ausleihe deutlich besser lief. Anderes Niveau, andere Ansprüche, andere Konkurrenzsituation. Petersen war in diesem Jahr im Sturm gesetzt, genoss das Vertrauen des Trainers. Als es wieder zu Bayern zurückging, hatten die Münchner auf der Stürmerposition bereits andere Kaliber verpflichtet (Mandzukic, Pizarro), um Gomez mehr Druck zu machen. Für die Weiterentwicklung eines Petersen war da kein Raum mehr. Werder kaufte ihn und alles schien in Ordnung für Petersen. Doch Formkrisen, Verletzungen und vor allem ein neuer Trainer (Skripnik) waren für ihn der Weg auf das Abstellgleis. Skripnik wollte unbedingt einen kombinativen Stürmer und sah in Petersen einen reinen Strafraum-/Abschlussstürmer. In Bremen sprach man allerdings auch von persönlichen Antipathien, die für Skripnik eine Rolle gespielt haben sollen. Man lieh Petersen an den SC Freiburg aus, wo er auf Anhieb überzeugte und man ihn dann auch verpflichtete. Streich als Befürworter des Kombinationsfußballs konnte also den Stürmer Petersen passend in das Spiel seiner Mannschaft einbinden. Petersen stellte sich dann auch in den ‚Dienst der Mannschaft‘, als er nach einer längeren Verletzungspause sich auf der Bank wiederfand und Streich nichts am neuen, erfolgreichen Sturm ändern wollte, und wurde einer der erfolgreichsten ‚Joker-Stürmer‘ überhaupt. Letztlich setzt er sich dort immer wieder durch. Er wurde Olympiateilnehmer und sogar noch spätberufener Nationalspieler (wenn auch mehr in Alibifunktion).

Petersen hat in Freiburg den richtigen Club, das passende Umfeld und vor allem den richtigen Trainer gefunden. Der Schritt zu Bayern war zu früh und zu groß. Bei Werder fand er nicht das passendes Umfeld und vor allem nicht den passenden Trainer vor. Bei Freiburg passt alles. Um den Konjunktiv zu bemühen: Wie wäre Petersens Karriere wohl verlaufen, wenn er erst zu Freiburg gewechselt wäre statt zu den Bayern? Letztlich weiß man nicht, ob sein Talent und Potential, seine Fähigkeiten und Anlagen sowie seine Spielweise und individualtaktische Lernfähigkeit ausgereicht hätten, ihn zu einem größeren Club zu führen und dort ebenfalls erfolgreich zu sein. Vielleicht nein, vielleicht wäre er auch Nationalspieler geworden. Es bleibt hypothetisch. Interessant finde ich es allemale.


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